Pluralistischer Zeitgeschmack
Ein erstaunliches Ritual ereignete sich am 24. Dezember des Jahres 1907 in einem unter-irdischen Gewölbe des Palais Garnier, der Pariser Opéra: Eine Gruppe vornehm gekleideter Würdenträger deponierte dort an entlegener Stelle zwei topfartige Gefäße, in die man 24 Schallplatten mit Aufnahmen bekannter Sänger und Instrumentalisten dieser Zeit versenkt hatte, «Urnen», die erst nach 100 Jahren wieder geöffnet werden sollten. Zwei weitere Gefäße wurden 1912 hinzugefügt, dazu noch ein Grammophon samt Gebrauchsanleitung und einigen Abspielnadeln – klingende Botschaften an die Nachwelt.
Zwei Ziele verfolgte man – offiziell – mit dieser bemerkenswerten Aktion: Zum einen wollte man den Stand der Aufnahmetechnik im frühen 20. Jahrhundert dokumentieren, zum anderen sollte die Auswahl der Aufnahmen vor allem eine Bestandsaufnahme der besten Sänger der Zeit und ihrer Interpretationen sein. Ein weiteres – inoffizielles – Ziel bestand in dem Werbeeffekt der Aktion, die der Stifterin der Schallplatten, der Grammophone Company, eine außerordentliche Beachtung in der Öffentlichkeit bescherte.
Vor zwei Jahren ist die Hundertjahresfrist abgelaufen, und man hat sich im Keller der Opéra der ...
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