Präzisionsarbeit

Eine echte Rarität: Saint-Saëns’ Vendetta-Drama «L’Ancêtre» aus Monte Carlo

Opernwelt - Logo

Das Frontispiz der ein halbes Jahr nach ihrer Uraufführung 1906 erschienenen Partitur des korsischen Vendetta-Dramas «L’Ancêtre» zeigt die Titelfigur von Saint-Saëns’ vorletzter Oper mit Stiefeln, Lendenschurz, überdimensionaler Flinte und kühn zurückgeschobenem Kopftuch in karger Macchia-Landschaft. Sie ist die Ahnin eines durch die Logik der Blutrache schon fast völlig ausgelöschten Clans, die auf ihren letzten Schuss wartet. Mit ihm wird sie nicht den unbekümmert kühnen Tébaldo aus dem feindlichen Clan, sondern die letzte ihr verbliebene Enkelin Vanina treffen.

1914 aber gibt Saint-Saëns’ Librettist Lucien Augé de Lassus seiner geistreichen Monographie des Komponisten ein anderes Bild der bis zum Ende unkorrigierbar bösen Alten bei. Eine Terrakotta-Maquette des heute vergessenen Bildhauers Denys Puech zeigt sie als heroische römische Matrone oder gar Priesterin mit zum Fluch erhobener Rechten. So muss (die Bildlegende sagt es) die große dramatische Sopranistin Félia Litvinne bei der Uraufführung in Monte Carlo, zumindest im zweiten Akt, erschienen sein. Große heroische Oper alten Zuschnitts gegen Verismo. Aber sind das wirklich Gegensätze?

Neben den antiken (Titel-)Heldinnen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2025
Rubrik: Medien, Seite 35
von Klaus Heinrich Kohrs

Weitere Beiträge
Ein Avantgardist ist er nicht

Der Satz hat Format und einige dialektische Würze. «The past is never dead. It’s not even past». So steht es in William Faulkners 1951 erschienenem Roman «Requiem for a Nun». Auch Detlev Glanert und der Librettist Reinhard Palm stellen diese philosophisch klugen Worte in deutscher Übersetzung («das Vergangene ist niemals tot, es ist nicht einmal vergangen») dem...

Einfach magisch

Henry James’ Novelle «The Turn of the Screw» entspringt der Tradition der englischen Gothic Novel, ist psychologisch allerdings so verfeinert, dass sich das Schaurige, die Bedrohungen der Kinder Miles und Flora durch die Geisterscheinungen der verstorbenen Hausangestellten Quint und Miss Jessel, nur erahnen lässt. Dem entspricht Brittens Oper als eine lose Folge...

«Wir sind ein Brennglas»

Zum ersten Mal habe ich Gabriel Feltz in Hamburg wahrgenommen. Das war 1991, während der Proben zu John Neumeiers Inszenierung von Bernsteins Musical «On the Town». Feltz, 20 Jahre jung, war damals Assistent des Generalmusikdirektors Gerd Albrecht und saß bei den Bühnenproben als Korrepetitor im Orchestergraben. Zu seinen Aufgaben gehörte es, uns Aushilfssänger,...