Paradise Lost

Tatjana Gürbaca und Erik Nielsen tauchen an der Oper Frankfurt tief in die Unterwelten von Benjamins «Written on Skin» ein

Opernwelt - Logo

Das Paradies? Nun ja, auf Erden wird man es vergebens suchen, dort, wo Lebewesen ihrer Identität häufig schon beraubt sind, noch bevor sie eine solche überhaupt entdecken und entwickeln können. Menschen wie Agnès, die im unschuldigen Alter von 14 Jahren von dem reichen «Protector» als Ehefrau vereinnahmt und in einen imaginären Glaskäfig gesteckt wurde, wo sie seither als Gefangene seiner gewalttätigen Obsessionen, die nicht in einer Sekunde Empathie oder gar Zärtlichkeit verraten, und als Dienerin dieses Machos vor sich hin vegetiert.

Zu erwehren vermag sie sich eigentlich nicht – Agnès ist, obwohl ihr Intelligenz attestiert wird, Analphabetin, sie könnte die Schwester Kaspar Hausers sein. Ein Opfer, wie es im Buche steht. Und auch in der Oper. George Benjamins Einakter «Written on Skin» skizziert eine Situation des Ausgeliefertseins; hier der scheinbar unantastbare Mann, dort die zum hilflosen Objekt degradierte junge Frau. Und wenn sich der Vorhang hebt, kann man das nicht nur deutlich hören (die eisenharten Schläge, die Erik Nielsen dem Orchester «verordnet», atmen den Geist der Unbarm -herzigkeit), sondern auch sehen. Elizabeth Reiter erscheint als Schwarzwaldmädel im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Lispeln, hauchen, bellen

Am Anfang war das heilige Wort, am Ende steht das losgelassene Mundwerk: Auf diese laxe Formel könnte man die 1000-jährige Entwicklung von der einstimmigen Gregorianik zur experimentellen Avantgarde der Gegenwart bringen, die das Wort zertrümmert, seine Semantik negiert und es in seine phonetischen wie akustischen Bestandteile zerlegt. Das Singen selbst wird zu...

Wo die Liebe hinfällt

Für das stetig anwachsende Interesse an der französischen Oper des 18. Jahrhunderts gibt es zahlreiche und vielfältige Gründe. Einer der wichtigsten ist wohl das Engagement des Centre de musique baroque de Versailles, das nicht nur exzellente Editionen bisher kaum beachteter Bühnenwerke herausgibt, sondern ganz bewusst auch Aufnahmen dieser Raritäten initiiert und...

Jenseits des Amazonas

Nicht nur Afrika ist auf der Weltkarte der klassischen Musik eine terra incognita. Es wimmelt nur so von dunklen Zonen, unzähligen Orten und Ländern, die rein gar nichts von Bedeutung hervorgebracht zu haben scheinen. Oder bestenfalls einen bekannten Namen, ein populäres Stück. Verglichen mit Australien, Japan, Nahost und Afrika hat es Südamerika noch recht gut...