Oscar und die Prinzessin

Innsbruck, Strauss: Salome

Opernwelt - Logo

Ungläubiges Staunen, als sich der Vorhang hebt: Der Blick fällt auf eine großzügige viktorianische Bibliothek mit kleinem Schreibtisch und Leselampe. Im angrenzenden Salon speist eine Abendgesellschaft und läs­tert über den Sohn des Hauses – Oscar Wilde. Einer Gruppe junger Offiziere ist es nebenan wohl zu heiß geworden, locker parlierend bedecken sie erst, wenn die Musik einsetzt, die entblößten Oberkörper. Derweil begrüßt der Dichter den Sänger des Narraboth mit Kuss und stattet ihn ebenfalls mit ­einem schmucken roten Uniformjäckchen aus.


Doch die Irritation legt sich schnell, denn Brigitte Fass­baender hat den Subtext der «Salome» in ihrer bislang kühnsten Regie (und nach «Rosenkavalier» und «Die Frau ohne Schatten» dritten Strauss-Oper) konsequent freigelegt: Textdichter Wilde (der Tänzer Martin Dvo­rak) entpuppt sich als Regisseur seiner Figuren und ist doch vor allem das Alter Ego ­eines Mannes: Johannes des Täufers, dessen vokale Ergüsse aus dem Keller er tanzend nachvollzieht. Clou der Aufführung: Salome hat in ihrem «Tanz der sieben Schleier» einen Partner – eben den Autor, der sich statt ihrer entkleidet. Er ist es auch, der am Ende auf dem Mühl­rad, mit dem Jocha­naan ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2006
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Klaus Kalchschmid

Vergriffen
Weitere Beiträge
Begegnungen mit der jungen Birgit Nilsson

Es war das Jahr 1944. Ich selbst, mit fünf­undzwanzig Jahren äußerst musik­interessiert und zwar hauptsächlich an Opern, erhielt meine erste Anstellung bei einer großen Zeitung in Stockholm. Der Musikkritiker des Blattes hatte den guten Einfall, sich für «Hausmusik» einzusetzen. Zwei junge Damen sollten auftreten: eine Gesangschülerin, sechsundzwanzig, und ihre...

Szenische Expeditionen

Zwei thematische Schwerpunkte annoncierten Rainer Pöllmann und Margarete Zander, die von den Veranstaltern DeutschlandradioKultur respektive RBB-Kulturradio eingesetzten Köpfe der achten Ultraschall-Saison: Werke der zeitgenössischen Musikszene Polens und Arbeiten des 1980 verstorbenen Klangforschers Franco Evangelisti, einst neben Berio und Nono zur wichtigsten...

Kontrollierte Emotion

Johannisnacht – mit dem nervösen Herzschlag der Pauken und unortbarem Summen zeichnet Philippe Boesmans in seiner Kammeroper «Julie» die subtile Spannung dieser Nacht der Lizenzen und der Triebe. Es darf geträumt werden, und Boesmans gönnt der Köchin Christine unterm Holderbaum ein melodisch fortziehendes Sehnsuchtsmotiv, das noch wiederholt durch die Instrumente...