Ohne Biss
Gibt es eine «gelungene» sowjetische Oper nach 1945? Schwer zu sagen, was im Jahr 1959 vielleicht eine gewagte Satire war, die in der Periode von Tauwetter und Entstalinisierung ideologisch gepusht wurde, erscheint heute einem Bühnenmann und Regisseur wie Dominique Horwitz nur als fade Beschönigung der wirklichen Verhältnisse im Realsozialismus.
Die Rede ist von Dmitri Schostakowitschs Operette «Moskau, Tscherjomuschki» – kein existenzielles Drama wie «Lady Macbeth von Mzensk», sondern eine frische, aufmüpfige, auch rührselige Komödie über eine Gruppe sowjetischer Staatsbürger.
Sie wollen weder eine Revolution gegen den Klassenfeind machen, noch sind sie antistalinistische Widerstandskämpfer. Alles, wonach sie sich ziemlich bürgerlich sehnen, ist eine neue Wohnung in der Großstadt Moskau, wo die Häuser einfallen und die Gemeinschaftswohnungen Heere von Denunzianten hervorbringen. Nikita Chruschtschow, der neue Herrscher, hat ihnen das Neubauviertel Tscherjomuschki geschenkt – zumindest denen, die durch einen Quartierschein das Recht auf eine Wohnung in den fünfstöckigen Plattenbauten erwarben (man sprach schon bald von «Chruschtschowka»), in denen es Heizung und Wasser gab, vor ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Michael Struck-Schloen
Janáčeks letzte Oper differiert an einem neuralgischen Punkt von ihren Vorgängerwerken. Nicht das Einzelschicksal, wie in «Jenůfa», «Die Sache Makropulos» oder «Katja Kabanowa», steht im Fokus. Der Blick des Komponisten richtet sich auf das Kollektiv der gequälten Kreaturen, auf deren körperliche wie moralische Verrohung, sprich: auf die condition humaine, wie sie...
Der Meister war voll des (untergründig-ironisch getränkten) Lobes. «Was uns bei Bellini bezauberte», heißt es in einem Brief Richard Wagners an Cosima, nachdem er Wilhelmine Schröder-Devrient in «I Capuleti e i Montecchi» gehört hatte, «war die reine Melodie, der schlichte Adel und die Schönheit des Gesangs.» Besonders ein Stück des Belcantokönigs, mit dem er sich...
Drei Jahrzehnte lang hat Pierre Audi die Nationale Opera in Amsterdam geleitet – eine exorbitante Erfolgsgeschichte. Als Regisseur verabschiedete er sich geradezu bescheiden, dazu nicht einmal im Stammhaus, sondern im am Hafen gelegenen kleineren Muziekgebouw aan’t IJ; genau die richtige Spielstätte für Stefano Landis tragicommedia pastorale «La morte d’Orfeo» von...
