O Glück! O Grauen! O Gott!
Wenn ein Reisender in einer Winternacht … Ja, wenn also dieser Reisende in einer Winternacht (oder im Morgengrauen) nach Russland kommt und schon im Zug auf einen Mörder sowie einen bleichen Beamten trifft, nicht ahnend, dass auf der Sitzbank hinter ihm eine Tote liegt, dann kann man eigentlich sein gesamtes Vermögen darauf verwetten, dass man sich in einem Roman von Fjodor Michailowitsch Dostojewski befindet und dass dieser Roman Wendungen und Wechselfälle mit sich bringen wird, die allein mit einem kantisch aufgeklärten Denken kaum zu bewältigen wären.
Denn eines verspricht Dostojewski: Vernunft ist in seiner apokalyptischen Schattenwelt ein Fremdwort. Seine Menschen leiden an der Welt. Doch nicht so melancholisch wie die Menschen Tschechows. Dieses Leiden ist grundsätzlicherer, weit drastischerer Natur.
So auch in Dostojewskis dystopisch-epischem Roman «Der Idiot». Fast eintausend Seiten lang wogt das Geschehen zwischen Realität und Traum, Thriller und Groteske, Farce und Fabel hin und her. Und mögen sie alle das Paradies auf Erden suchen, wo die Schönheit regiert: Im wirklichen Leben klappt das eben nicht. Zu groß sind die Erwartungen, die Lügen, die (Ent-)Täuschungen und vor ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Uraufgeführt wurde Terence Blanchards Oper «Champion» 2013 im (mit 987 Plätzen mittelgroßen) Opernhaus von St. Louis. Nun, nach dem Erfolg von Blanchards «Fire Shut Up in My Bones», kam das Stück in einer «überdimensionalen» Version auf die Bühne der Met. Damit ist der Jazztrompeter und Filmmusikkomponist der erste Schwarze, von dem überhaupt eine Oper an der Met...
Der Mensch erscheint, nein, leider nicht im Holozän, das wäre Literatur und, Max Frisch sei Dank, fürwahr eine formidable. Er erscheint im Anthropozän, als Zentrum allen Seins und Werdens, als geochronologische Konstante, als tellurische Macht, die Einfluss nicht nur auf das eigene Geschick nimmt, sondern massiv in die Natur und ihre organischen Verläufe eingreift....
Durchs Hagener Theater weht ein leiser Hauch von Buenos Aires. Ein Akkordeon ist es, mit einer wehmütigen Melodie, die auch von Astor Piazzolla stammen könnte. Komponiert hat sie aber Péter Eötvös für seine Tschechow-Oper «Tri sestry», als Inbegriff jener Melancholie, die schon im zugrundeliegenden Theaterstück fast alle Personen ergreift, von Beginn an. Tschechows...
