Näher geht's nicht
Drei Notenpulte stehen vor dem Eingang in den Zuschauerraum des Allee Theaters. Noch sind die Flügeltüren in den Saal verschlossen. Kaum eingetreten in das Foyer von Hamburgs kleinstem Opernhaus sind wir dennoch gleich mittendrin im munteren Geschehen. Und unversehens spielen wir mit. Es braucht ein paar inspirierende Irritationsmomente, um das Experiment in diesem Pausenraum der Kammeroper zu kapieren: Publikum und Darsteller mischen sich in dieser teuren (Vor-)Halle der Kunst, die für die Premiere von «Hoffmanns Erzählungen» kurzerhand in «Auerbachs Cocktailbar» umgetauft wurde.
Da tritt nun ein junger Mann in Rocker-Kluft, Springerstiefeln und mittelalterlich anmutendem Langhaar an ein Stehpult – und wir schauen ihm dabei direkt über die Schulter. Er zeichnet manisch Bilder seiner verflossenen Lieben auf die Blätter eines Notizblocks und schreibt die Erinnerungen an seine Vergangenheit auf. Dieser Künstlertyp von heute identifiziert seine Flucht vor dem Scheitern seiner Lieben im kollektiven Alkoholrausch der Cocktailbar mit der Biographie des E. T. A. Hoffmann, vergleicht seinen eigenen Schmerz mit den Erzählungen des Dichters. Da taucht eine glamouröse Diva an der Hand eines ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Magazin, Seite 92
von Peter Krause
Man hört es und ist sogleich mittendrin in Novalis’ «Hymnen an die Nacht» – auf jenem tiefen, von dunklen Gedanken ummantelten Seelenschmerzfeld, das sich in den Versen ausbreitet, die Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (wie der romantischste aller romantischen Dichter mit bürgerlichem Namen hieß) nach dem viel zu frühen Tod seiner Braut Sophie von Kühn aufs...
Otello ist eine gebrochene Person. Sein Auftrittsruf «Esultate!», obwohl von George Oniani mit metallischer Härte und Kraft herausgeschleudert, hat nichts Triumphales, allein schon wegen des szenischen Arrangements in der Bonner Neuproduktion von Leo Muscato: Das Volk blickt nach vorn, er kommt von hinten. Bemitleidenswert ist er in der Liebesnacht mit Desdemona....
Willkommen auf Schloss Almaviva!» So flimmert es flammend über den Videoscreen auf einer Wand mit bröckelndem Putz. Wir sind in einem andalusischen Museum, das schon bessere Tage gesehen hat. Konferenzstühle werden hereingeschleppt, man will einem Vortrag über alte Sitten und Gebräuche im einstigen Schloss lauschen. Noch während der Ouvertüre werden die in einer...
