Nächtlicher Engelsgesang
Tora Augestad ist nicht zu fassen. Ein bisschen erinnert eine Begegnung mit ihrer Kunst an die Erkundung von Herzog Blaubarts Schloss: Mehrere «Türen» gibt es da, die man ganz behutsam öffnet, im Glauben, endlich auf den Schatz (oder zumindest auf irgendeine Erkenntnis) zu treffen, um dann doch jedes Mal ziemlich überrascht davon zu sein, was man in den Räumen selbst vorfindet. Und genau so ist es, wenn man diese außergewöhnliche Sängerin, ob auf der Bühne oder auf einem ihrer Alben, erlebt. Sie entzieht sich der Konkretion und auch der Gewissheit. Dabei ist sie immer die gleiche.
Und doch so viele.
Eines ist Tora Augestad, die Frau mit dem klandestinen Charisma, aber in jedem Fall: eine begnadete Performerin. Stimme, Körper und Geist bilden bei ihr eine Einheit, deren Ausstrahlung man sich selbst dann kaum entziehen kann, wenn sie ein Stück interpretiert, dessen Glanz sich in Grenzen hält. Wie zum Beispiel «As If The Law Is Everything» ihres Landsmannes Henrik Hellstenius. Allein der zugrundeliegende Text von Øyvind Rimbereid ist über weite Strecken eher ambitioniert als philosophisch fundiert. Mit Augestads vibrierend sinnlicher Jazz-Stimme aber wächst dieses musikdramatische ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Jürgen Otten
Zum eindrucksvollsten theatralischen Moment dieser Aufführung geriet der Beginn des dritten Aktes: Ortrud, die Hexe im roten Gewand, breitete inmitten der Bühne zu den strahlenden Klängen des Hochzeitsmarsches ihre Zaubersteine aus. Als ob Europa gerade den Schrecken der Pandemie entronnen wäre und der russische Wahnsinn sich nun anschickte, alles um sich herum zu...
Im Quartett der bedeutendsten deutschen Opernkomponisten nach 1945 (Helmut Lachenmann zählt in eine andere Kategorie, sein «Mädchen mit den Schwefelhölzern» bleibt genuin fremdartiges musiktheatrales Unikat) hat Manfred Trojahn, so seltsam es anmutet, immer «nur» den undankbaren vierten Platz belegt, hinter Hans Werner Henze, Wolfgang Rihm und Aribert Reimann. Mit...
Gleich vorweg: Der Mann taucht nicht auf. Weder allein noch vervielfältigt noch in der Begegnung mit seiner Schöpfung und seinen Figuren. So, wie es bei Stefan Herheim eigentlich Sitte ist, man denke nur an Tschaikowsky und «Pique Dame» oder Offenbach und «Hoffmanns Erzählungen». Auch die Überblendung von Stück, Aufführungsort, Werkhistorie und biografischem...
