Nächtlicher Engelsgesang
Tora Augestad ist nicht zu fassen. Ein bisschen erinnert eine Begegnung mit ihrer Kunst an die Erkundung von Herzog Blaubarts Schloss: Mehrere «Türen» gibt es da, die man ganz behutsam öffnet, im Glauben, endlich auf den Schatz (oder zumindest auf irgendeine Erkenntnis) zu treffen, um dann doch jedes Mal ziemlich überrascht davon zu sein, was man in den Räumen selbst vorfindet. Und genau so ist es, wenn man diese außergewöhnliche Sängerin, ob auf der Bühne oder auf einem ihrer Alben, erlebt. Sie entzieht sich der Konkretion und auch der Gewissheit. Dabei ist sie immer die gleiche.
Und doch so viele.
Eines ist Tora Augestad, die Frau mit dem klandestinen Charisma, aber in jedem Fall: eine begnadete Performerin. Stimme, Körper und Geist bilden bei ihr eine Einheit, deren Ausstrahlung man sich selbst dann kaum entziehen kann, wenn sie ein Stück interpretiert, dessen Glanz sich in Grenzen hält. Wie zum Beispiel «As If The Law Is Everything» ihres Landsmannes Henrik Hellstenius. Allein der zugrundeliegende Text von Øyvind Rimbereid ist über weite Strecken eher ambitioniert als philosophisch fundiert. Mit Augestads vibrierend sinnlicher Jazz-Stimme aber wächst dieses musikdramatische ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Jürgen Otten
Am 23. Februar war die Welt des Valery Gergiev noch in bester Ordnung. An der Mailänder Scala dirigierte Gergiev die Premiere von Tschaikowskys «Pique Dame», die wenigen, zaghaften Buhrufe vor dem ersten Takt wird er vermutlich nicht einmal vernommen haben. Im Weghören war der russische Dirigent immer schon ein Großer; was ihn nicht interessierte, existierte nicht....
Giorgio Strehler hatte einen Traum. Er träumte von einem Theater voller Schönheit, Freude, Musik, das nur durch «kleine Spritzer von Bitterkeit» irritiert würde, die aber rasch vergessen seien. Er träumte von einem «menschlicheren» Theater, das an die Welt gebunden ist, als Ganzes, im Guten wie im Bösen, im Bemühen wie im Kämpfen. Welt und Theater sollten, so...
Bianca e Falliero» ist die fünfte Oper, die der vielbeschäftigte Rossini 1819 schrieb – allerdings nicht für Neapel, wo er seit 1815 als Hauskomponist tätig war, sondern für Mailand. Stendhal hielt sie für missglückt, sie geriet schnell in Vergessenheit. Selbst prominente Rettungsversuche bei den Rossini-Festivals in Pesaro 1986 und Bad Wildbad 2015 konnten das...
