Voyeure des Grauens
Gleich vorweg: Der Mann taucht nicht auf. Weder allein noch vervielfältigt noch in der Begegnung mit seiner Schöpfung und seinen Figuren. So, wie es bei Stefan Herheim eigentlich Sitte ist, man denke nur an Tschaikowsky und «Pique Dame» oder Offenbach und «Hoffmanns Erzählungen». Auch die Überblendung von Stück, Aufführungsort, Werkhistorie und biografischem Hintergrund fällt aus. Benjamin Britten höchstselbst ist der große Abwesende an diesem Premierenabend der Bayerischen Staatsoper.
Und dies als bewusste Eigendistanzierung, als Negierung des Erwartbaren: gerade weil sich «Peter Grimes», andere haben das zur Genüge ausgereizt, ja vordergründig so wunderbar eignet für den Konnex von homosexuellem Schöpfer (samt Uraufführungstenor) und gesellschaftlich unterdrückten Trieben der Hauptfigur. Christof Loy hat das gerade am Theater an der Wien eindringlich, aber eben auch wenig überraschend vorgeführt. Es ist bekanntlich jenes Theater, das Herheim demnächst als Intendant übernehmen wird. Ein Schritt, den er nach eigenem Bekunden als Zäsur in Leben und Karriere versteht. Hin zur Besinnung, zur Neuerfindung, zur Positionsbestimmung. Herheim, der gern mehr mitdenkt und zeigt, als es einer ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 23
von Markus Thiel
Die Ära von Roland Geyer, dem Gründungsintendanten des Theaters an der Wien, neigt sich mit einer Produktion ihrem Ende entgegen, die wenig typisch ist für das Haus, an dem sich in den letzten Jahren Großtaten wie etwa Tatjana Gürbacas kühne «Ring»- Dekonstruktion ereigneten. Kurz vor der wegen Generalsanierung nötigen Schließung des Stammhauses und der Übernahme...
Bianca e Falliero» ist die fünfte Oper, die der vielbeschäftigte Rossini 1819 schrieb – allerdings nicht für Neapel, wo er seit 1815 als Hauskomponist tätig war, sondern für Mailand. Stendhal hielt sie für missglückt, sie geriet schnell in Vergessenheit. Selbst prominente Rettungsversuche bei den Rossini-Festivals in Pesaro 1986 und Bad Wildbad 2015 konnten das...
Giorgio Strehler hatte einen Traum. Er träumte von einem Theater voller Schönheit, Freude, Musik, das nur durch «kleine Spritzer von Bitterkeit» irritiert würde, die aber rasch vergessen seien. Er träumte von einem «menschlicheren» Theater, das an die Welt gebunden ist, als Ganzes, im Guten wie im Bösen, im Bemühen wie im Kämpfen. Welt und Theater sollten, so...
