Voyeure des Grauens
Gleich vorweg: Der Mann taucht nicht auf. Weder allein noch vervielfältigt noch in der Begegnung mit seiner Schöpfung und seinen Figuren. So, wie es bei Stefan Herheim eigentlich Sitte ist, man denke nur an Tschaikowsky und «Pique Dame» oder Offenbach und «Hoffmanns Erzählungen». Auch die Überblendung von Stück, Aufführungsort, Werkhistorie und biografischem Hintergrund fällt aus. Benjamin Britten höchstselbst ist der große Abwesende an diesem Premierenabend der Bayerischen Staatsoper.
Und dies als bewusste Eigendistanzierung, als Negierung des Erwartbaren: gerade weil sich «Peter Grimes», andere haben das zur Genüge ausgereizt, ja vordergründig so wunderbar eignet für den Konnex von homosexuellem Schöpfer (samt Uraufführungstenor) und gesellschaftlich unterdrückten Trieben der Hauptfigur. Christof Loy hat das gerade am Theater an der Wien eindringlich, aber eben auch wenig überraschend vorgeführt. Es ist bekanntlich jenes Theater, das Herheim demnächst als Intendant übernehmen wird. Ein Schritt, den er nach eigenem Bekunden als Zäsur in Leben und Karriere versteht. Hin zur Besinnung, zur Neuerfindung, zur Positionsbestimmung. Herheim, der gern mehr mitdenkt und zeigt, als es einer ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 23
von Markus Thiel
Weise Worte: «Personen in unserer gesellschaftlichen Stellung können niemals ausgezeichnete Künstler sein», schrieb Albert, Gemahl der englischen Königin Victoria, an seinen Bruder, den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha. «Es braucht das Bemühen eines ganzen Lebens, es zu werden.» Ernst II. sah das freilich etwas anders: Nicht weniger als fünf Opern und zwei...
Als Jordi Savall nach dem großen Lockdown im Mai 2021 erstmals wieder ein öffentliches Konzert gab, wählte er mit Haydns «Schöpfung» geradezu programmatisch ein optimistisch von der aufklärerischen Vernunft getragenes Werk weltzugewandter Frömmigkeit und humanen Diesseitsvertrauens. Denn anders als in den Oratorien des Barock steht im Zentrum von Haydns...
Der Zeitzeuge zeigte sich beeindruckt: «Der erste Akt beginnt mit dem Erscheinen Auroras. Das ist das womöglich blühendste, wollüstigste Stück Musik, das ich bisher in der Oper gehört habe» – das schreibt Jacques Cazotte im Uraufführungsjahr 1753 von Mondonvilles pastorale héroïque «Titon et l’Aurore».
Große Instrumental- oder Chorbilder waren, neben einer...
