Voyeure des Grauens

Stefan Herheim gibt mit Brittens «Peter Grimes» sein Regiedebüt an der Bayerischen Staatsoper

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Gleich vorweg: Der Mann taucht nicht auf. Weder allein noch vervielfältigt noch in der Begegnung mit seiner Schöpfung und seinen Figuren. So, wie es bei Stefan Herheim eigentlich Sitte ist, man denke nur an Tschaikowsky und «Pique Dame» oder Offenbach und «Hoffmanns Erzählungen». Auch die Überblendung von Stück, Aufführungsort, Werkhistorie und biografischem Hintergrund fällt aus. Benjamin Britten höchstselbst ist der große Abwesende an diesem Premierenabend der Bayerischen Staatsoper.

Und dies als bewusste Eigendistanzierung, als Negierung des Erwartbaren: gerade weil sich «Peter Grimes», andere haben das zur Genüge ausgereizt, ja vordergründig so wunderbar eignet für den Konnex von homosexuellem Schöpfer (samt Uraufführungstenor) und gesellschaftlich unterdrückten Trieben der Hauptfigur. Christof Loy hat das gerade am Theater an der Wien eindringlich, aber eben auch wenig überraschend vorgeführt. Es ist bekanntlich jenes Theater, das Herheim demnächst als Intendant übernehmen wird. Ein Schritt, den er nach eigenem Bekunden als Zäsur in Leben und Karriere versteht. Hin zur Besinnung, zur Neuerfindung, zur Positionsbestimmung. Herheim, der gern mehr mitdenkt und zeigt, als es einer ...

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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 23
von Markus Thiel

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