Muskelspiele
Wenn es tagt, dann wendet sich auch der König der Sonne zu. Der Helligkeit, der Kraft, der Erkenntnis. Ein finales Dur-Aufgischten markiert die Lösung des inneren Konflikts, die Läuterung, das Heraustreten aus dem bisherigen Sein – und den Gegenpol zur dunklen Verführung zuvor. Eine Apotheose, in Nürnberg allerdings ein kurzer Schreckensmoment. Ein Scheinwerfer fällt herab, baumelt minutenlang am Kabel, sendet sein taumelndes Licht über Bühne und Parkett. Keine Panne, eine Konterkarierung. Das Leuchten, es kommt wie ein Versehen. Genauso wie der Müll, der aus dem Schnürboden regnet.
Das Ende ist hier nicht Aufbruch, sondern nihilistischer Stillstand.
Überhaupt tut Regisseur Lorenzo Fioroni viel, um Karol Szymanowskis süffigen, sündig oszillierenden «König Roger» alles Gefällige auszutreiben. Sizilien, der Handlungsort dieser «Bakchen»-Variante, bringt Fioroni auf Naheliegendes: Eine mafiöse Familie trägt anfangs ihren alten Paten zu Grabe. Der Ring des Toten geht über auf Roger, und Roxane leidet schwer am Gefangensein in der enggezurrten Clan-Struktur. Nürnbergs «König Roger» ist allerdings mehr als ein Generationendrama, mehr als eine Tragödie um familiäre Verkrustungen und ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Markus Thiel
Tallinn, Ende August. Es gießt in Strömen. Die stolze Hansestadt liegt unter grauen Schleiern, die Stimmung ist herbstlich. Tiefe Pfützen stehen auf dem Weg zur Noblessner Foundry, einer ehemaligen sowjetischen U-Boot-Fabrik, in der die Uraufführung von «Adam’s Passion» stattfinden wird. Das Regenwasser kriecht hinein bis in den Vorraum, Pappen dienen als...
«Darf ich das signieren?» Was für eine Frage. Aber natürlich. Wir bitten sogar darum. Wer weiß, wann wir Margarita Marinova noch mal treffen. In ihrem «Archiv», einem winzigen, über und über mit Aufführungsplakaten dekorierten Raum im zweiten Stockwerk des Plattenbaus gleich hinter der Oper. Einem unwirtlichen Kasten mit blinden Fenstern, verzogenen Türen und...
In Anna-Sophie Mahlers Lesart müsste die Oper eigentlich «Don José» heißen; denn die junge Regisseurin, die in Bremen schon des Öfteren positiv auf sich aufmerksam gemacht hat, stellt den unglücklichen Carmen-Liebhaber eindeutig in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung: das Psychogramm eines Anti-Helden. Andalusien-Flair und spanisches Kolorit sucht man in dieser...
