Denunziation willkommen: Szene aus der Innsbrucker «Gioconda»; Foto: Theater/Rupert Larl
Muskelspiele
Wer solche Untertanen hat, kann den Staatsapparat klein halten: Privatspitzel allüberall, fast an jeder Kanalecke. Und fürs besonders perfide Denunziantentum hielt das alte Venedig «Löwenmäuler» bereit, kunstfertig gestaltete Briefkästen, in denen die Beschuldigungen hinterlegt werden konnten, am besten mit Absender. Ganz prosaisch sind diese bocche di leone in diesem Fall allerdings aufgereiht und -getürmt zur Schubladenwand, aus der sich gierige Hände strecken – was eben passiert, wenn sich Historisches der Aktualisierungskur unterziehen muss.
Leicht ließe sich bei «La Gioconda», Amilcare Ponchiellis venezianischem Gegenstück zu Puccinis «Tosca», die Checkliste des Totalitarismus abhaken. Und anfangs sieht es auf der Bühne des Tiroler Landestheaters auch so aus, als werde eine weitere Variation von DDR, China & Co. durchgespielt. Doch das Regie-Duo Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, zudem verantwortlich für die Ausstattung, bleibt nicht beim Nachbuchstabieren ostalgischer Interieurs. Während der großen Tutti-Momente im holzfurnierten Gerichtssaal, über den Inquisitionschef Alvise als sexgeiler Richter herrscht, entfremden sich Straßensängerin Gioconda und Revoluzzer Enzo ...
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Opernwelt Januar 2018
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Markus Thiel
Es sollte ein Festakt zum 500-Jahre-Jubiläum der Reformation in Budapest werden. Es wurde eine (von den um einen Kollektivvertrag streikenden Hausgewerkschaften um ein Haar verhinderte) Premiere der Ungarischen Staatsoper. Dass der Vorhang überhaupt hochging, verdankt sich allein Szilveszter Ókovács, dessen Direktorenvertrag soeben um fünf Jahre verlängert wurde....
Eine neue «Bohème», kurz vor Weihnachten in Paris, mag man an der Opéra national gedacht haben, das passt wie der Weihnachtsbaum auf die Place de la Concorde. Spielen doch mindestens die beiden ersten Akte des Stücks just am Heiligen Abend in der französischen Hauptstadt. Doch sollte man in der Intendanz darauf spekuliert haben, dann hätte man die Rechnung...
Ein Männlein steht im Walde, aber eigentlich ist es kein Männlein, sondern die Königin der Nacht. Und es gibt auch keinen Wald. Aber still und stumm ist es dann doch, weil nach exakt 45 Minuten Schluss ist mit «Europeras 2», dem vor der Pause der doppelt so lange erste Teil vorangegangen war. Begonnen hatte dieses Musiktheater-Vexierspiel mit John Cages legendärem...
