Musicien complet
Bei der Suche nach einer Erklärung für Heinz Holligers unglaubliche musikalische Vitalität stößt man ziemlich schnell auf eine unhinterfragbare Größe: die menschliche Physis. Sie ist für ihn die Voraussetzung für jede Art von hörbarer menschlicher Äußerung, seien es nun Sprachlaute, Instrumentalklänge oder die Geräusche des lebenserhaltenden Atems. Darauf beruht Holligers umfassendes Musikverständnis, in dem instrumentale und vokale Dimension, Komponieren und praktisches Musizieren, letztlich auch Kunst und Leben eine Einheit bilden.
Er ist der wahre «Musicien complet», wie sein langjähriger künstlerischer Weggefährte Klaus Huber einmal bewundernd sagte, und in dieser Eigenschaft befindet er sich im heutigen Musikleben vermutlich allein auf weiter Flur.
Sinnfälligen Ausdruck hat diese körpergebundene Musikalität in Holligers phänomenalem Oboenspiel gefunden. «Ich verdiene mein Geld mit Luft», meinte er einmal mit der für ihn typischen Mischung von Understatement und Tiefsinn. Die Luft ist für ihn das Verbindende von Ich und Welt, Körper und Seele, und diesem Geheimnis spürt er nicht nur als begnadeter Solist, sondern auch als Komponist auf denkbar vielfältige Weise nach. Im ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Max Nyffeler
Im Anfang ist die wortlose Wollust. Aber sie ist, trotz der versöhnlich dahinströmenden Klänge im Graben, falsch: einseitig, dominant, unnachgiebig. Ein alter Mann beugt sich an einem schlichten Küchentisch über eine viel zu junge, nur mit einer bordeauxroten Bluse bekleidete Frau, bügelt die Wehrlose brachial platt, spreizt ihre Beine und dringt mechanisch auf...
Verkaufte Bräute, wohin das Auge schaut in Wagners Musikdramen. Eva, Elisabeth, Senta, Elsa, sie alle sind (vom Schicksal?) dazu auserkoren, meistbietend an (gerne fremde) Männer verschachert zu werden. Besonders schlimm trifft es Sieglinde, die Mutter des ersten freien Helden. Noch bevor sie überhaupt weiß, was Freiheit bedeuten könnte, wird sie dieser Freiheit...
Seine Inszenierungen sorgen regelmäßig für Kontroversen. Weil sie Stoffe, Stücke und Charaktere bis auf den Kern abklopfen. Was bedeuten kann, dass – wie im Fall von Verdis «Traviata» – auf der Bühne nur die Hauptfigur in Erscheinung tritt oder – wie bei Mozarts «Don Giovanni» – der Held durch Abwesenheit glänzt. Es sind radikale Deutungen, die Benedikt von Peter...
