Momentweise utopisch
Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied! Ein leidig Lied!» Des Branders Sinnieren in Auerbachs Keller gehört zu den obligaten «Faust»-Zitaten, auch im Sinne einer nicht minder «klassischen» Dreiteilung der Lebensbereiche: volkstümliche Lustbarkeit, «hohe» Kultur, schnöde Politik. Das Wahre, Gute, Schöne als erhabener Widerpart zur allemal prekären gesellschaftlichen Wirklichkeit. In der wonnigen Wiege, etwa von Schuberts «holder Kunst», sollten die Widrigkeiten des Lebens verdrängt werden, Kunst nichts mit Konflikten, womöglich gar politischen, gemein haben.
Natürlich hat es immer wieder kritisch konnotierte Kunst gegeben, verstärkt im 19., erst recht im 20. Jahrhundert. Dass Komponisten reformerische, ja, revolutionäre Positionen vertraten, war keine Seltenheit, obschon mancherlei Wunschbilder mit im Spiel waren. Manche Werke freilich gewannen erst im Laufe der Rezeptionsgeschichte ihre aufrührerische Brisanz; wobei Wirklichkeit und Legendenbildung mitunter fusionierten. So soll während der NS-Zeit bei einer Aufführung von Schillers «Don Karlos» des Marquis von Posa Appell an Philipp II. («Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!») spontanen Applaus ausgelöst haben. Wieweit dies von ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Gerhard R. Koch
Das französische Wort «traversée» besitzt im Deutschen verschiedene Bedeutungen. Gemeint sein kann damit sowohl das Überqueren eine Brücke, das Durchschwimmen eines Flusses, aber auch ein Flug übers Gebirg’ hinweg. Für Patricia Petibon und Andrea Marcon bedeutet es, wie der italienische Dirigent in einem kleinen Beitrag für das Booklet des Albums «La Traversée»...
Den nationalen Theaterpreis «Goldene Maske» öffentlich zu verleihen, wie es bislang 28 Mal üblich war, ist in Krisenzeiten ein Ding der Unmöglichkeit. Man weiß in Russland um die starken emotionalen Reaktionen der Theatermacher und kann sich ausmalen, wie sie bei ihren Bühnenauftritten in der einen oder anderen Form ihren Protest gegen den Krieg zum Ausdruck...
Herr Serebrennikov, das Theater St. Gallen hat die für Mai geplante Neuproduktion von Tschaikowskys «Jungfrau von Orléans» storniert und sie durch Verdis «Giovanna d’Arco» ersetzt – mit der Begründung, die kriegerischen Ereignisse ließen eine Aufführung der (musikdramaturgisch gelungeneren) Tschaikowsky-Adaption nicht zu. Beide Stücke basieren exakt auf dem...
