Momentweise utopisch

Das Modern Music Theatre Kiew gastiert in Meiningen mit Beethovens «Fidelio»

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Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied! Ein leidig Lied!» Des Branders Sinnieren in Auerbachs Keller gehört zu den obligaten «Faust»-Zitaten, auch im Sinne einer nicht minder «klassischen» Dreiteilung der Lebensbereiche: volkstümliche Lustbarkeit, «hohe» Kultur, schnöde Politik. Das Wahre, Gute, Schöne als erhabener Widerpart zur allemal prekären gesellschaftlichen Wirklichkeit. In der wonnigen Wiege, etwa von Schuberts «holder Kunst», sollten die Widrigkeiten des Lebens verdrängt werden, Kunst nichts mit Konflikten, womöglich gar politischen, gemein haben.

 

Natürlich hat es immer wieder kritisch konnotierte Kunst gegeben, verstärkt im 19., erst recht im 20. Jahrhundert. Dass Komponisten reformerische, ja, revolutionäre Positionen vertraten, war keine Seltenheit, obschon mancherlei Wunschbilder mit im Spiel waren. Manche Werke freilich gewannen erst im Laufe der Rezeptionsgeschichte ihre aufrührerische Brisanz; wobei Wirklichkeit und Legendenbildung mitunter fusionierten. So soll während der NS-Zeit bei einer Aufführung von Schillers «Don Karlos» des Marquis von Posa Appell an Philipp II. («Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!») spontanen Applaus ausgelöst haben. Wieweit dies von ...

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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Gerhard R. Koch

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