Die Schutzlosen
Ich sah Hectors Schatten wie einen einsamen Wächter über unsere Wälle schreiten», das singt Cassandre in ihrem großen Auftritts-Air im ersten Akt, nachdem der gläsern-luftige Chor der Trojaner, die sich der Illusion des Kriegsendes begierig hingeben, in schrillen Bläserfanfaren jäh verklungen ist. Jubelchöre, Staatsaktionen und hysterische Massenbegeisterung, die exoterische Seite des monumentalen Werks, sind Christophe Honorés Sache nicht.
Er lässt den groß besetzten Chor durchgehend in Konzertgarderobe die Stimme erheben, mehr oder weniger statuarisch, allenfalls mit sparsamsten Gesten, gelegentlich auch nur aus dem Off. Kapituliert hier ein nicht mit dem Opernmetier vertrauter Filmregisseur, dessen Markenzeichen die subtile individuelle Interaktion und Verstrickung ist, vor einer zweifellos heiklen Aufgabe, dürftig als Geste der Distanzierung kaschiert? Aber dann wird Hectors nur von der Seherin geschauter Schatten bedrückende, tatsächlich illusionssprengende Wirklichkeit. Nicht den Geist des gefallenen Bruders sieht Cassandre, sondern ein verstörtes Kind, das einen besudelten Mantel wie eine Leiche hinter sich herschleppt: Astyanax, Hectors Sohn. Von diesem Mantel, Schutz und ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Klaus Heinrich Kohrs
In Moskau, wo Kriegszensur herrscht und es so gut wie unmöglich ist, glaubwürdige Nachrichten über den Krieg in der Ukraine zu erhalten, gilt es derzeit als gefährlich, ein nur «sehr gut gemachtes» Stück zu zeigen. Denn das Publikum will die reine Wahrheit sehen, und sei sie noch so grausam. Die Inszenierung von Korngolds Oper «Die tote Stadt» durch Vassily...
Wann haben Sie zuletzt in der Oper geweint?
Am 3. April 2022.
Wo würden Sie ein Opernhaus bauen?
In Mariupol.
Ihr Geheimrezept fürs Überleben während der Proben?
Gute Vorbereitung und Kaffee.
Welche Oper halten Sie für überschätzt?
«Frau ohne Schatten».
Welche Oper halten Sie für unterschätzt?
«Frau ohne Schatten».
Woran arbeiten Sie gerade?
«Frau ohne...
Zwei zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene italienische Opern mit russischen Sujets sind beim Maggio Musicale Fiorentino herausgekommen und auf DVD veröffentlicht worden. Nach Franco Alfanos «Risurrezione» von 1904 (OW 8/2021) nun also Umberto Giordanos «Siberia», die bei der Premiere an der Mailänder Scala wenige Monate zuvor einen sensationellen Erfolg...
