Die Schutzlosen
Ich sah Hectors Schatten wie einen einsamen Wächter über unsere Wälle schreiten», das singt Cassandre in ihrem großen Auftritts-Air im ersten Akt, nachdem der gläsern-luftige Chor der Trojaner, die sich der Illusion des Kriegsendes begierig hingeben, in schrillen Bläserfanfaren jäh verklungen ist. Jubelchöre, Staatsaktionen und hysterische Massenbegeisterung, die exoterische Seite des monumentalen Werks, sind Christophe Honorés Sache nicht.
Er lässt den groß besetzten Chor durchgehend in Konzertgarderobe die Stimme erheben, mehr oder weniger statuarisch, allenfalls mit sparsamsten Gesten, gelegentlich auch nur aus dem Off. Kapituliert hier ein nicht mit dem Opernmetier vertrauter Filmregisseur, dessen Markenzeichen die subtile individuelle Interaktion und Verstrickung ist, vor einer zweifellos heiklen Aufgabe, dürftig als Geste der Distanzierung kaschiert? Aber dann wird Hectors nur von der Seherin geschauter Schatten bedrückende, tatsächlich illusionssprengende Wirklichkeit. Nicht den Geist des gefallenen Bruders sieht Cassandre, sondern ein verstörtes Kind, das einen besudelten Mantel wie eine Leiche hinter sich herschleppt: Astyanax, Hectors Sohn. Von diesem Mantel, Schutz und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Klaus Heinrich Kohrs
Wagners «Tristan und Isolde» sagt man eine weitestgehende Handlungslosigkeit nach. Alles Äußere sei in diesem Werk nach Innen gekehrt: innere Vorgänge, Liebesschmerz, Liebestrunkenheit, Gekränktheit. Alles nur im Kopf. Und im Herzen.
Das Regie-Duo Alexandra Szemerédy, und Magdolna Parditka hat in seiner Lesweise jetzt in Saarbrücken einmal alles auf den Kopf...
Den nationalen Theaterpreis «Goldene Maske» öffentlich zu verleihen, wie es bislang 28 Mal üblich war, ist in Krisenzeiten ein Ding der Unmöglichkeit. Man weiß in Russland um die starken emotionalen Reaktionen der Theatermacher und kann sich ausmalen, wie sie bei ihren Bühnenauftritten in der einen oder anderen Form ihren Protest gegen den Krieg zum Ausdruck...
Die Hagener Koppelung von Puccinis Einakter «Suor Angelica» mit Outi Tarkiainens «A Room of One’s Own», der ersten, nun uraufgeführten Oper der 1985 geborenen finnischen Komponistin, zu einem Doppelabend mochte zunächst befremdlich wirken. Zwischen dem wahnhaft verklärten, gleichsam der Realität entzogenen Selbstmord der Nonne Angelica und dem musiktheatralen Essay...
