Graue Geister
Die Themen sind uralt, mehr noch: Sie bilden sogar die Grundrezeptur von (Musik-)Theater. Liebe, Tod, sich daraus entspinnende Konflikte, unlösbar (oder endend) im Licht – bis hin zu extremen, perversen Ausprägungen, wo es beispielsweise um missbrauchte Stieftöchter geht, die nach abgeschlagenen Prophetenköpfen gieren. Insofern erzählen uns Georg Friedrich Haas und Händl Klaus mit ihren Opern nichts Neues.
Verstörend wird es, weil sie diese alten Themen nicht biblisch, historisch oder legendenhaft verbrämen, sondern mit der Wucht des Alltagsunheils in unseren abendlichen Musiktheaterkonsum einbrechen lassen; ob sie nun wie im 2021 uraufgeführten «Bluthaus» von einer missbrauchten Tochter, in «Thomas» (2013) von letzten Atemzügen im Krankenzimmer oder in «Koma» (2016) von eben jenem Zustand zwischen Dies- und Jenseits berichten.
Alle drei Werke als Zusammenschau, das war der Plan von Serge Dorny an der Bayerischen Staatsoper. Die Idee des Frühlingsfestivals hat er aus Lyon mitgebracht. Zugleich verlässt das hehre Haus damit seinen Sockel und kooperiert mit anderen Münchner Institutionen. Der Titel «Ja, Mai» ist hintergründig. Nicht nur der Monat ist gemeint, sondern auch das ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Markus Thiel
Claude Debussys 1902 uraufgeführte Anti-Oper «Pelléas et Mélisande» steht wie ein erratischer Block am Beginn des 20. Jahrhunderts. In seiner Vertonung des Maeterlinck’schen Prosaschauspiels negiert Debussy alles, was bis dahin die Gattung ausmachte – Arien, Ensembles, Chöre, Melodien, in der rhythmisierten, dem Rezitativ angenäherten Deklamation des Worts selbst...
In Moskau, wo Kriegszensur herrscht und es so gut wie unmöglich ist, glaubwürdige Nachrichten über den Krieg in der Ukraine zu erhalten, gilt es derzeit als gefährlich, ein nur «sehr gut gemachtes» Stück zu zeigen. Denn das Publikum will die reine Wahrheit sehen, und sei sie noch so grausam. Die Inszenierung von Korngolds Oper «Die tote Stadt» durch Vassily...
Drei überaus erfolgreiche Opernkomponisten stehen, bei allen Unterschieden, exemplarisch für den Zwiespalt von Moderne und Tradition: Benjamin Britten, Hans Werner Henze und Aribert Reimann. Von der guten, alten Oper wollten sie nicht lassen, ebensowenig von der Anlehnung an hohe literarische Vorlagen. Auch in der Distanz zur «doktrinären» Avantgarde der...
