Mitleidssplitter
Die Straßburger Bühne ist leer. Darauf nur Cheryl Barker als Emilia Marty. In einer Rückblende führt die 337-jährige Primadonna jenes lebensverlängernde Elixier zum Mund, das ihr Vater um 1600 für Kaiser Rudolf II. braute und das an ihr auszuprobieren war. Damals hieß sie Elina Makropulos, und die Initialen E. M. begleiteten sie denn auch durch ihr – inzwischen sinnentleertes – Dasein, das sich dem Ende entgegensehnt.
Die Kostümkünstlerin Miruna Boruzescu durfte an der Opéra national du Rhin für die Koproduktion mit Nürnberg und La Fenice aus dem Vollen schöpfen und der allseits angehimmelten Titelfigur eine Galarobe nach der anderen, einen Kopfputz nach dem anderen überstülpen; eine optische Ouvertüre quasi – die Bild gewordene Grundsituation von Leos Janáceks «Sache Makropulos», die freilich dem hundertjährigen Erbschaftskrimi etwas von seiner Spannung nimmt und sein Geheimnis quasi ante festum ausplaudert.
Die Hektik, die dieses einleitende Kleid-aus-Kleid-an mit einem ganzen Schwarm von Garderobenpersonal entfacht, geht einerseits zu Lasten der Musik – andererseits greift sie die permanente Unruhe des Janácek’schen Stils auf: diese gleichsam von Zeile zu Zeile springende ...
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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Heinz W. Koch
«Schäm’ dich!» – ein Zuschauer konnte sich nicht zurückhalten, als der römische Bürgermeister Gianni Alemanno vor der «Nabucco»-Premiere auf die Bühne des Teatro dell’Opera trat, um die gravierenden Subventionskürzungen im italienischen Kulturhaushalt anzuprangern, beschlossen von jener Regierung Berlusconi, die Kultur als etwas potenziell «Linkes» und damit...
Eigentlich sind die Bedingungen alles andere als gut. Nach kurzen Jahren des Ruhms in der Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht emigrierte Kurt Weill im März 1933 aus Deutschland, mit gerade 50 verstarb er 1950 in New York. In der DDR galt er neben Hanns Eisler wenig, auch die westdeutsche (Darmstädter) Avantgarde stand ihm fremd gegenüber. Heute sieht das Verhältnis...
«Es war einmal», schrieb er damals auf den blauen Vorhang. Die Kreide quietschte, während im Graben des Münchner Nationaltheaters das Es-Dur-Vorspiel heraufdämmerte – was orthodoxe Wagnerianer prompt erboste. Obgleich Robert Tear noch keinen Ton in diesem «Rheingold» gesungen hatte, galt er sogleich als Bösewicht. Zweieinhalb Stunden später, als der Brite die...
