Menschlich, allzu menschlich

Wagners «Tristan und Isolde» in Köln, Wiesbaden und Wuppertal

Opernwelt - Logo

Das ganze Drama, die ganze Tragik steckt in drei Takten. Wenn man den Sextaufschwung und den fallenden Sekundschritt abzieht, mit denen die Celli, pianissimo, auf jenen berühmten Akkord hinleiten, den Wagner ins Zentrum seiner symphonisch flutenden «Handlung in drei Aufzügen» stellt, sind es sogar nur zwei Takte, die gleich zu Beginn das fatale Glück Tristans und Isoldes auf den Punkt bringen.

Die F-H-Dis-Gis-Schichtung von Oboe, Klarinette, Fagott und Englischhorn beschwört die Schwebe, in ihr scheint das «chromatische Ringen» (Martin Gregor-Dellin) einer Musik signalhaft geronnen, die zwar nicht die Spannung zwischen Dur und Moll, aber die Idee einer harmonischen Mitte aufgibt. Der Weg ist hier das Ziel, der Sinn der Klänge erschließt sich erst aus ihrer (potenziell) unabschließbaren Bewegung. Die offene, fließende Struktur der «Tristan»-Musik hatte Wagner auch im Auge, als er Mathilde Wesendonck, seine Isolde im wirklichen Leben, am 29. Oktober 1859 wissen ließ: «Meine feinste und tiefste Kunst möchte ich jetzt die Kunst des Übergangs nennen, denn mein ganzes Kunstgewebe besteht aus solchen Übergängen: das Schroffe und Jähe ist mir zuwider geworden...»
Schon der im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2009
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Albrecht Thiemann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Ohne Worte

Sprachskepsis ist ein Grundmotiv der Moderne. Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts brach sich das Misstrauen in die Zuverlässigkeit des Wortes und der Rede Bahn: In seinem berühmten «Tractatus logico-philosophicus» (1918) versuchte Ludwig Wittgenstein zwar noch, formale Bedingungen für den wahren Gebrauch der Sprache zu definieren, doch der letzte,...

Massenet: Don Quichotte

Für Massenets «Don Quichotte» entwickelte Götz Friedrich in den siebziger Jahren ein Regiekonzept, das – vorgestellt in der Hamburgischen Staatsoper – auch heute noch trägt: Der Ritter von der traurigen Gestalt war bei ihm keine Figur des späten 16. Jahrhunderts, sondern ein Zeitgenosse des Komponisten, der in dem Wahn lebt, Don Quichotte zu sein. Ein doppelbödiges...

Märchenpost aus Russland

Zu den schmissigen Klängen der Ouvertüre schwebt vom Bühnenhimmel eine überdimensionale Wodkakiste auf die ansonsten nackte Bühne nieder – Märchenpost aus Russland, aus deren sich öffnenden Seitenflächen die fantasievoll-farbenprächtig kostümierten Gäste der Hochzeitsfeier von Ruslan und Ludmila strömen. Was das Regie- und Ausstattungsteam mit diesem vom...