Melancholie und Körperdampf

Leos Janáceks «Mährische Volkslieder» mit Martina Janková

Oft saß er im Wirtshaus und notierte Gesprächsfloskeln, Sprechtonfälle, Satzmelodien, sog den mährischen Sprachklang ein wie ein Schwamm, ließ seine Kompositionen davon überfließen, begegnete dabei der seltsam «hinkenden» Sprechweise dieses Landstrichs, ihrem unorthodoxen Sprachrhythmus unendlich liebevoll. Atemlos hingefetzt manchmal die Notenschrift, in ihrer schlampigen Flüchtigkeit den Wirtshausgesprächen ähnlich. Das war Leos Janácek.



«Es ist oft sehr schwer zu rekonstruieren, was er wirklich wollte», sagte uns in diesem Zusammenhang der renommierte Janácek-Dirigent Tomás Hanus. «Er hat auf einem weißen Blatt Papier die Linien gezogen und dann sozusagen die Noten hineingewühlt ...» Wobei die mährische Folklore bei seinen Kompositionen stets gegenwärtig war. «An das Spiel [...] noch lebender Fiedler, Zymbalspieler und Sackpfeifer knüpfen wir mit unseren Werken an ...», schrieb er. Janáceks Lieder sind vor allem Bearbeitungen jener mährischen Folklore; er las sie den Bauern sozusagen von den Lippen ab. «Nur aus dem lebendigen Volkslied entspringt die Kunstform des Liedes», notierte er. Stets suchte er in seinen Bearbeitungen die Natürlichkeit der Melodie zu wahren, ließ das ...

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Opernwelt März 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Gerhard Persché

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