Melancholie des Südens
Des künftigen Dogen Simon Boccanegras Braut scheidet auf eben jener steinernen Bahre aus der Welt, auf die sich der Gebieter über Genua ein Vierteljahrhundert später ebenfalls zum Sterben niederlegen wird. So schließt sich für Regisseur Richard Jones ein von tiefer Melancholie gezogener Kreis. Am Beginn steht das Eheverbot Fiescos und Marias gram -erfüllter Tod, am Ende das Hinscheiden des durch Gift hingerafften genuesischen Staatsoberhaupts.
Die Ausrufung des jungen Gabriele Adorno als dessen Nachfolger erscheint angesichts der Rankünen, die diesen Schritt begleiten, als kaum glaubwürdiger und eher belangloser Epilog. Zwar hatte in der Ratsszene zunächst die Begeisterung des risorgimento Oberhand gewonnen – Verdi bietet dazu noch einmal alle denkbare Emphase auf. Doch stimmt Jones’ düstere Sicht mit jenem tiefen Verdruss über die politischen Verhältnisse überein, die Verdi mitunter schwarz für Italien sehen ließen. Ob Adorno aus Liebe die Standesschranken durchbricht oder Fiesco final Boccanegras Format begreift und nun selbst zur Versöhnung der sozialen Gegensätze beiträgt: Das utopische Moment scheint auf wie ein Silberstreif am Horizont.
Indessen bleibt ganz und gar fraglich, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2025
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Michael Kaminski
Es war ein heißer Frühsommertag in Barcelona, damals, vor mehr als zwanzig Jahren. Gidon Kremer hatte am Vorabend Beethovens sperriges Violinkonzert gespielt, und wie so oft, glich Kremers Lesart einer musikalischen Offenbarung. Nun, ein Dutzend Stunden später, saß er in der Lobby eines Hotels in der Innenstadt und wirkte wie ein Mensch, der nur eines kennt – die...
Ein ganzes Opernhaus zu schultern, das wäre dann wohl der nächste Schritt. Vielleicht, wenn der Kehlkopf nicht mehr richtig will. Oder der Startenor keine Lust auf das hat, was sich im Karriereherbst alles anbietet – Herodes, Aegisth, der Kaiser in «Turandot», irgendetwas in der Art. «Ein kleines Hineinschnuppern in das Genre», nannte Jonas Kaufmann sein zweites...
Mit dem Thema «Balzac und das Lied» wäre nichts zu holen, meint Romain Benini im Booklet des Albums «Chansons Balzaciennes», vergisst jedoch, dass Musik im Œuvre des großen französischen Epikers durchaus von Bedeutung ist. Allerdings ließe sich damit eine Schneise in den kulturellen Untergrund der Gesellschaft schlagen, die der Dichter in seiner «Comédie humaine»...
