Meister der Mimikry
Um Faust zur Unterschrift unter den höllischen Pakt zu bewegen, eröffnet Méphistophélès seinem Opfer einen magischen Durchblick: Marguerite erscheint als Zauberbild. Hornrufe und Harfenarpeggi signalisieren ein Reich des Wunderbaren. Auf diese kurze Szene in Gounods «Faust» von 1859 antwortet Camille Saint-Saëns fünf Jahre später in seiner Opéra fantastique «Le Timbre d’argent» (Das Silberglöckchen) im Modus der Überbietung.
Wieder ertönen Hornrufe und ein gleißendes Holzbläser- und Streichergewebe, wenn unter der Anleitung des satanischen Spiridion ein Bild des Malers Conrad ins Leben tritt: Der gemalten Circé entspringt ihr Modell, die Tänzerin Fiammetta. Das Porträt weitet sich zum Landschaftsbild, und ein Nymphenchor beschwört den Zauber der Verlebendigung, der in den folgenden Akten immer neue teuflische Metamorphosen hervortreiben wird. Berlioz’ Sylphenszene an den Ufern der Elbe aus «La Damnation» stand Pate. Den Pakt ersetzt das Glöckchen, das unermesslichen Reichtum und Tod zugleich bedeutet und das Conrad in den sicheren Abgrund führen soll: Bei jedem mutwilligen Gebrauch regnet es Gold, und zugleich stirbt ein Mensch. Doch die Gounod-Referenzen reichen weiter: Seiner ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Klaus Heinrich Kohrs
In anderen Zeiten würde man vermutlich die «Meistersinger» spielen: als kraftvolle Eigenbespiegelung, als selbstbewussten bis selbstgewissen Diskurs über eine prinzipiell ungefährdete Kunst – obgleich, gottlob, die (Regie-)Zeiten vorbei sind, als man der Deutschen Festoper von der finalen halben Stunde her gedachte. Doch die Verhältnisse sind so: Dass sich Berlin,...
Zu den fatalen Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie gehören nicht nur rechte Verschwörungstheorien, sondern auch parareligiöse Rechtfertigungsversuche: Das Virus käme quasi zur rechten Zeit, um die fehlgeleitete Menschheit zur Umkehr zu bewegen, denn von «Fortschritt», Liberalität, Konsum und Reisen gelte es Abschied zu nehmen. Doch in Anbetracht unzähliger...
Gleich im ersten Bild von Evgeny Titovs Inszenierung der Schicksalsoper «Lady Macbeth von Mzensk» herrscht beklemmende Tristesse. Die Bühne (Christian Schmidt) ist verödet und grau, von den Wänden starrt der Schmutz; das alles erinnert doch sehr an einen verlassenen Schlachthof oder Gefängniswaschraum. Die abweisende Kälte dieses Ortes steht in diametralem...
