Meister der Mimikry
Um Faust zur Unterschrift unter den höllischen Pakt zu bewegen, eröffnet Méphistophélès seinem Opfer einen magischen Durchblick: Marguerite erscheint als Zauberbild. Hornrufe und Harfenarpeggi signalisieren ein Reich des Wunderbaren. Auf diese kurze Szene in Gounods «Faust» von 1859 antwortet Camille Saint-Saëns fünf Jahre später in seiner Opéra fantastique «Le Timbre d’argent» (Das Silberglöckchen) im Modus der Überbietung.
Wieder ertönen Hornrufe und ein gleißendes Holzbläser- und Streichergewebe, wenn unter der Anleitung des satanischen Spiridion ein Bild des Malers Conrad ins Leben tritt: Der gemalten Circé entspringt ihr Modell, die Tänzerin Fiammetta. Das Porträt weitet sich zum Landschaftsbild, und ein Nymphenchor beschwört den Zauber der Verlebendigung, der in den folgenden Akten immer neue teuflische Metamorphosen hervortreiben wird. Berlioz’ Sylphenszene an den Ufern der Elbe aus «La Damnation» stand Pate. Den Pakt ersetzt das Glöckchen, das unermesslichen Reichtum und Tod zugleich bedeutet und das Conrad in den sicheren Abgrund führen soll: Bei jedem mutwilligen Gebrauch regnet es Gold, und zugleich stirbt ein Mensch. Doch die Gounod-Referenzen reichen weiter: Seiner ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 25
von Klaus Heinrich Kohrs
JUBILARE
Ernst Krenek war sauer. Stocksauer. Da hatte doch dieser unverschämte junge Regisseur am Staatstheater Darmstadt 1978 sein heiliges Werk «Karl V.» so unbotmäßig und radikal gekürzt, dass der Schöpfer es kaum mehr wiedererkennen mochte. Wütend also suchte der eigens aus den Vereinigten Staaten von Amerika angereiste Komponist das Weite und produzierte damit...
Liebe beginnt meist mit Verwunderung, mit Staunen, mit einem Blick, der alles verändert. Hier, in der dritten Szene des zweiten Akts, hebt diese Liebe in nachgerade unschuldig-lyrischem B-Dur an. Doch vernimmt man den weit entfernten Donner und blickt bereits an dieser Stelle auf das Ende der Oper, sollte man bei Samsons sanft tönenden Worten «En ces lieux» gewarnt...
Anno 1728, auf der einsamen Höhe seiner auf das Wesentliche fokussierten Kunst des Komponierens, lässt Händel die Tropfen des bitteren Kelches gleichsam in die Venen des Helden Tolomeo einsickern. Der wähnt sich dem selbst gewählten Gifttode ganz nah, als er in seiner Arie «Stille amare, già vi sento» fragt: «Wo bin ich, lebe ich noch?» Der einstige König von...
