Mann der Widersprüche
Wolfgang Borchert, der Literat der Stunde, formulierte es so: «Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist der Abgrund.» Borchert war 1921 geboren und traf unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den Nerv der Zeit; «Trümmerliteratur» hat man das später genannt. «Draußen vor der Tür» heißt sein einziges Schauspiel, und es umreißt ein Lebensgefühl: Draußen lagen die Trümmer von Städten und Existenzen. Drinnen in den Menschen lagen die Trümmer ihrer Hoffnungen und ihrer Orientierung.
Die Vorstellung einer Stunde Null wuchs da schnell zur probaten Denkfigur. Politiker und Künstler nutzen sie gleichermaßen.
Unter den Musikern hat Karlheinz Stockhausen besonders radikale Formulierungen gefunden. «Die Städte sind radiert», schrieb er, «man kann nun von Grund auf neu anfangen, ohne Rücksicht auf Ruinen und ‹geschmacklose› Überreste». Es war die Geburtsstunde der seriellen Avantgarde.
Aus der Rückschau stellt sich die Stunde Null als Fiktion dar. Vielfach ist aufgearbeitet, wie stark personelle Kontinuität Politik und Kulturleben prägten. Die damit verbundenen, häufig subkutanen Wandlungsprozesse erscheinen aufschlussreicher als der elitäre, nur selten radikal ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Stephan Mösch
So machen’s nicht alle, aber viele. Und natürlich nicht nur Frauen, weswegen der Titel «Così fan tutte» als genderpolitisch heikel gilt. Aber auch «Così fan tutti» würde nicht jede(n) befriedigen, ist doch das «i», das für alle Menschen steht, männlich. Eine Diskussion darüber wäre freilich heute obsolet, denn «Così» spiegelt, wie der Regisseur Joachim Herz einmal...
Ein französischer Komponist aus der Zeit Ludwigs XIV., dessen Name nicht geläufig ist – das macht zumindest neugierig. Umso mehr, als der selbst im Bielefelder Katalog kaum vertretene Nicolas Bernier (1665-1734) hier mit Kammerkantaten vorgestellt wird, deren Meisterwerke von Campra über Clérambault bis zu Montéclair und Rameau bekannt sind und in zahllosen...
«Traurig», stöhnte der Meister übers Libretto aus der Textwerkstatt à la Scribe, «demütigend», «uninteressant». Dann auch noch eine Primadonna, die kurzfristig aus Paris verschwand: Giuseppe Verdis «Les Vêpres siciliennes», so scheint es, sind die Presswehen noch heute anzumerken. Also Machwerk? Oder doch Vorzeichen der Moderne? Dabei fällt der Fünfakter ja gar...
