Mal ehrlich September/Oktober 2017

Opernwelt - Logo

Ich bin neulich beim Zappen in den Anfangsszenen irgendeines neuen «Don Giovanni» gelandet. Lang blieb ich nicht dabei, weil der Titelheld von einem dieser überfitten Baritone gesungen wurde – ich hatte einfach keine Lust darauf zu warten, dass er sich das Hemd vom Leib reißt. Don Giovanni hab ich mir nie eitel vorgestellt. Wenn man rund um die Uhr damit beschäftigt ist, Röcken nachzusteigen, hat man wohl kaum noch Energie für einen Marathon. Auch scheint er mir nicht der Typ zu sein, der aus Angst um seine Kohlehydratbilanz einen Topf Spaghetti verschmäht.

Da Ponte und Mozart haben ihn nicht als Bademodenmodel, sondern als verkommenen Adligen gezeichnet: Eher spült der die Pasta noch mit zwei Flaschen Primitivo runter. Da ist am nächsten Morgen dann garantiert kein Training drin.

Singende Muskelkerle sind inzwischen weit verbreitet, das riecht schon fast nach Klischee. Letztens hatten wir ein solches Sixpack in «Billy Budd». Nicht in der Hauptrolle, das war ein Sänger mit guter Durchschnittskondition. Doch zwischen den gut 80 (Chor-)Herren aller Größen und Unformen stach ein Typ mit knappstem Tanktop und literweise Babyöl auf dem Bizeps ins Auge wie ein Glassplitter. Im Ernst, er ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2017
Rubrik: Aus dem Leben eines Taugenichts, Seite 101
von Christopher Gillett

Weitere Beiträge
Donald Gepopo

Frau Hershkowitz, Sie gehörten fünf Jahre dem Ensemble des Theaters Bremen an, bevor es Sie 2012 in die Freiheit zog. Extrovertierte Figuren scheinen Ihnen besonders zu liegen: Strauss’ Zerbinetta, Offenbachs «Hoffmann»-Frauen oder auch Bergs Lulu – ein Traum, der sich noch nicht erfüllt hat. Demnächst werden Sie wieder Ligetis wahnwitzige Gepopo aus «Le Grand...

Gegen die Zeit

1

Die wunderbare alte Schauspielerin Maria Nicklisch geriet schier aus dem Häuschen: Heute Abend gehe sie ins Werkraumtheater, dort gebe es «Dickicht der Städte», inszeniert von dem hochbegabten Peter Stein, dem ehemaligen Assistenten von Hans Schweikart und Fritz Kortner. Der sei der Beste. Ja, «Dickicht» war überhaupt umwerfend grandios. Frech, polemisch und...

Unter Beschuss

Der Boden schwankt. Da entgleitet etwas. Bereits im ersten Takt von Alban Bergs «Wozzeck» enthüllt die Partitur das Innerste dieser Oper: Zwei Akkorde in den Streichern, durch ein Glissando verbunden, bringen Form und Inhalt auf den Punkt. «Er macht mir ganz schwindlich», grantelt der Hauptmann wenig später zu Wozzeck, und genau diesen schwindelerregenden Wahn...