Märchenhaft
Göttinnen und Götter weisen den Weg. Antike Skulpturen schauen versteckt aus den lauschigen Nischen und Hecken eines veritablen Lustgartens heraus. Die Giardini di Boboli gleichen einem Gesamtkunstwerk des italienischen Gartenbaus. Oberhalb des Palazzo Pitti strecken sie sich den Hügel empor – allein das ein spettacolo, ein Paradebeispiel für jene Kultur der Augen, die hier spätestens seit der Renaissance in Kirchen, Kapellen und Palästen geradezu übersprudelte.
Michelangelo ist gewissermaßen omnipräsent, seine in makelloser, dennoch anatomisch naturalistischer Schönheit idealisierte Modellierung eines gekreuzigten Christus in der Kirche Santo Spirito gehört zu den unendlichen Entdeckungen, die Florenz im Spätsommer des Pandemiejahres 2020 so ganz ohne Anstehen vor Museumskassen und Eiscafés ermöglicht.
Es ist eine Fügung des Schicksals, dass hier, wo die Medici und zahllose Architekten das Boboli-Kleinod über Generationen immer prachtvoller ausbauten und die Camerata Fiorentina zeitgleich dank ein paar glücklicher Missverständnisse die Gattung Oper erfand, einmal mehr eine Renaissance stattfindet. Zwar nicht mit den kompositorischen und dichterischen Gründungsvätern Caccini, ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Peter Krause
Versucht haben es viele. Doch nur eine Dichterin vermochte es, das «Phänomen» in betörende Worte zu kleiden; kaum zufällig ebenfalls eine viel zu früh Verglühte. In ihrer «Hommage à Maria Callas» beschreibt Ingeborg Bachmann die Diva assoluta als eine Künstlerin, die kontinuierlich über sich selbst hinausging und dabei immer auch das Gegenteil von dem war, was sie...
Klingt diese Musik anders, wenn man weiß, dass sie auf den Rückseiten von Deportationsformularen notiert wurde? Von Theresienstadt, wo sie 1944 unter den absurden Umständen eines KZ mit «Kultur» entstand, ging der Weg für viele nach Auschwitz, auch für Viktor Ullmann. Seine dritte, mit dem jungen Dichter Peter Kien zusammengedachte Oper, für Lager-Kammerbesetzung...
Lullys letzte, 1686 uraufgeführte Oper «Armide» überdauerte alle Stürme der Zeit und stand bis 1766 regelmäßig auf dem Spielplan der Pariser Opéra – in freilich zunehmend übergriffiger Bearbeitung, bis ihr schließlich Glucks Opernreform, wie der französischen Tragédie en musique insgesamt, das Lebenslicht ausblies. Als Gluck dann 1777 das Sakrileg beging, Philippe...
