Männerträume
In Anna-Sophie Mahlers Lesart müsste die Oper eigentlich «Don José» heißen; denn die junge Regisseurin, die in Bremen schon des Öfteren positiv auf sich aufmerksam gemacht hat, stellt den unglücklichen Carmen-Liebhaber eindeutig in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung: das Psychogramm eines Anti-Helden. Andalusien-Flair und spanisches Kolorit sucht man in dieser Produktion vergebens. Stattdessen taucht die Regisseurin in die Abgründe der Tiefenpsychologie und holt das Unterbewusste, das Unbewusste zutage.
Ein Abend, der neue Aspekte in die oft im Folkloristischen festgefahrene «Carmen»-Rezeption einführt.
Duri Bischoff hat als Einheitsbühnenbild einen großbürgerlichen Salon im Stil der 1930erJahre entworfen, in dem eine Versammlung festlich gekleideter Menschen stattfindet – vielleicht das Treffen eines Geheimbundes, wie verschiedene Rituale, auch der Ausschnitt aus Schnitzlers «Traumnovelle» im Programmheft vermuten lassen. Und in einer Vermischung von Traum und Wirklichkeit stellt sich auch die Handlung der Oper dar. Don José, von Anfang bis Ende auf der Bühne, aber nur zeitweise von den anderen handelnden Personen wahrgenommen, erlebt seine Begegnung mit der als Zofe gekleideten ...
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Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 36
von Gerhart Asche
Eigentlich muss man Andris Nelsons sehen. Wie er sich hinter Partitur und Dirigentenpult duckt, als wolle er von den Klangwellen, die er eben entfesselte, nicht weggespült werden. Und wie er dann als Springteufel wieder hochkommt. In dieser CD-Einspielung von Wagners «Fliegendem Holländer» aus Amsterdam sieht man ihn nicht, doch man spürt Nelsons Körpersprache in...
Wenn das so weitergeht, dürfte er irgendwann die Gestik ganz einstellen. Ein aufmunternder Blick, ein Handgelenksschlenker, im Ernstfall eine hochgezogene Augenbraue, das könnte dann reichen. Immer sparsamer wirkt das, was Christian Thielemann auf dem Podium macht: Die Verklärung des Handwerks hat bei ihm schon jetzt eine sehr entscheidende, sehr sichtbare Stufe...
Ein musikalischer Senkrechtstarter! Darüber war man sich 1964 in Budapest bei der Uraufführung von Sándor Szokolays «Bluthochzeit» («Vérnász») einig. In Ungarn wurde das Werk in der Tat alsbald zum Repertoirestück, brachte es allein in den ersten fünf Jahren auf mehr als 50 Reprisen. Aber der Höhenflug dieser ersten Oper des jungen Komponisten beschränkte sich auf...
