Luftsprünge, leuchtend

Sarah Aristidou zeigt auf ihrem Album «Æther», zu welchen erstaunlichen Leistungen eine Stimme fähig ist

Opernwelt - Logo

Erstaunlich, was eine Stimme so alles kann. Krakeelen kann sie, krächzen, kichern, krähen, kratzen, klopfen, klagen, kreischen. Und sie kann noch mehr: stammeln, stöhnen, seufzen, schwärmen und schreien. Das sei zu viel der geräuschhaften Zumutungen? Nicht, wenn der Komponist Jörg Widmann heißt und die Interpretin Sarah Aristidou.

Zehn Minuten lang mäandert sie in den soeben beschriebenen vokalen Entblößungsformen durch Widmanns «Labyrinth V» für A-cappella-Sopran, durch ein Stück Musik, das die Ränder des Singens (so man überhaupt noch vom «Singen» sprechen kann) ins Weite dehnt, wie einen riesigen, kobragleichen Kaugummi, und in jene akrobatischen Gefilde vorstößt, die wohl nur der- und diejenige betreten kann, dem eine Stimme in die Wiege gelegt wurde, die das Entgrenzte, Überschreitende in sich trägt. 

Die französisch-zypriotische Koloratursopranistin besitzt ein solches Organ und ebenfalls die Möglichkeiten, es in vielfältigster Weise einzusetzen. Beleg ist ihr Debütalbum «Æther», auf dem Aristidou Werke aus vier Jahrhunderten interpretiert und diese einem Konzept subsumiert, das sie im Booklet selbst wortreich (und mit einem leichten Hang zur Esoterik) erläutert: «Im ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 34
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Die Realität ist boshafter

Zum eindrucksvollsten theatralischen Moment dieser Aufführung geriet der Beginn des dritten Aktes: Ortrud, die Hexe im roten Gewand, breitete inmitten der Bühne zu den strahlenden Klängen des Hochzeitsmarsches ihre Zaubersteine aus. Als ob Europa gerade den Schrecken der Pandemie entronnen wäre und der russische Wahnsinn sich nun anschickte, alles um sich herum zu...

«Es ist unser Land»

Herr Samoilov, wie geht es Ihnen? 
Ich bin sehr, sehr traurig. Ich bin nervös, verzweifelt. Und manchmal alles zusammen. Was ich nicht spüre, ist Aggressivität oder Wut. Ich habe vor allem Angst um meine Familie, die in der Nähe von Odessa lebt, Angst um meine Freunde und Bekannten, Angst aber auch um Menschen, die ich nicht persönlich kenne, die aber diesem Krieg...

Dystopische Familie

Wenn Sänger oder Sängerinnen in den Musiktheater-Regiestuhl wechseln, muss das nicht bedeuten, dass sie sich am «Regietheater» abarbeiten oder gar «rächen» wollen. Es kann auch produktiv neue, gleichsam aus der praktischen Arbeitsperspektive gewonnene Energien freisetzen. In diesem Sinne scheint es ein Glücksfall, dass die renommierte, durch ihr Salzburger...