Dystopische Familie
Wenn Sänger oder Sängerinnen in den Musiktheater-Regiestuhl wechseln, muss das nicht bedeuten, dass sie sich am «Regietheater» abarbeiten oder gar «rächen» wollen. Es kann auch produktiv neue, gleichsam aus der praktischen Arbeitsperspektive gewonnene Energien freisetzen. In diesem Sinne scheint es ein Glücksfall, dass die renommierte, durch ihr Salzburger Festspieldebüt 1998 als Janáčeks «Katja Kabanova» in die Elite der Sopranistinnen katapultierte Kammersängerin Angela Denoke nun öfter am Regiepult zu finden sein wird.
In Ulm, ihrem einstigen ersten Stammhaus, hatte sie anlässlich ihres Regiedebüts mit eben jener «Katja Kabanova» im Herbst 2021 noch mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen und musste so manche Abstriche machen. Insofern kam nun ihrer zweiten Regiearbeit am Tiroler Landestheater in Innsbruck die wirkliche reguläre Debütrolle zu: «Salome» von Richard Strauss. Auch dies könnte man, oberflächlich betrachtet, als eine sichere Bank sehen, ist Denoke doch mit der fordernden (und nicht gerade bequemen) Partie durch viele Jahre und manche Inszenierungen aufs Engste vertraut. Betriebsblind freilich machte sie das nicht, ganz im Gegenteil: Mit ihrer individuellen und ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Karl Harb
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Floris Visser stellt Händels Oratorium «Hercules» gleichsam auf den Kopf und erzählt die Geschichte von ihrem Ende her. Wenn sich zur Ouvertüre der Vorhang hebt, sehen wir, wie Dejanira, die unglückliche Mörderin des antiken Heroen, im stummen Spiel den zu den Gestirnen erhobenen Toten auf dem an die Wand ihres Zimmers kartierten Himmelsfirmament sucht. Plötzlich...
Tora Augestad ist nicht zu fassen. Ein bisschen erinnert eine Begegnung mit ihrer Kunst an die Erkundung von Herzog Blaubarts Schloss: Mehrere «Türen» gibt es da, die man ganz behutsam öffnet, im Glauben, endlich auf den Schatz (oder zumindest auf irgendeine Erkenntnis) zu treffen, um dann doch jedes Mal ziemlich überrascht davon zu sein, was man in den Räumen...
