Lobpreisungen der Liebe
Mit einem enormen Programm spielt das Festival d’Aix-en-Provence wieder vor vollen Rängen: Simon Rattle beleuchtet Wagners «Tristan» ganz neu und wird anstelle von Simon Stone zum eigentlichen Regisseur. Dafür findet der australisch-schweizerische Regisseur beeindruckende Bilder für Kaija Saariahos fünfte Oper «Innocence», die er gemeinsam mit Susanna Mälkki aus der Taufe hebt.
Wie Komödie ohne Klischees geht, demonstrieren Barrie Kosky und Daniele Rustioni mit ihrem Falstaff ohne Bauch, Thomas Hengelbrock dirigiert Mozarts «Nozze di Figaro», aus dem Lotte de Beer ein feministisches Lehrstück macht. Ein postpandemisches Fest der großen Oper.
Gibt es dialektisches Dirigieren? Sir Simon Rattle zeichnet das todestrunkene Nachtstück «Tristan und Isolde» mit seinem London Symphony Orchestra derart luzide als beglückende Feier des Lebens, dass man aus dem freudigen Staunen nicht herauskommt. Schon die ersten Takte des Vorspiels künden davon. Der Tristan-Akkord kommt wie aus dem Nichts, intoniert im zartesten Pianissimo, seine Sequenzen gleichen einem behutsam hochgespannten Werden und Wachsen, die Musik fängt an zu glühen – in bläulich hellem Glanz. Daraus scheint synästhetisch gar eine ...
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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Festspiele Aix-en-Provence, Seite 4
von Peter Krause
An der Wende zum 20. Jahrhundert entdeckte auch Italien die Tiefen des Russischen Reichs. Kurz vor dem Erfolg der «Ballets Russes» in Paris waren Dostojewskis und Tolstois Romane übersetzt worden. Nicht viel hätte gefehlt und die erste Oper mit dem Titel «Aus einem Totenhaus» wäre nicht 1928 von Janáček, sondern von Puccini oder dem neun Jahre jüngeren Giordano...
Ein zerrissenes Porträtfoto ist fast das einzige, was im Nachlass Wieland Wagners von der Existenz Kurt Overhoffs (1902–1986), seines langjährigen, später aber konsequent verleugneten Mentors, zeugt. Zehn Jahre lang (mit Unterbrechungen) hat Overhoff dem Wagner-Enkel, der eigentlich Maler werden wollte, die musikalischen wie theaterpraktischen Geheimnisse der...
Sein Name ist etwas in Vergessenheit geraten. Was mehr als bedauerlich ist, zählte Ludwig Marcuse, dessen 50. Todestag wir in diesem Jahr begehen, zu den feinsinnigsten Beobachtern der menschlichen Spezies, als Schriftsteller, Essayist und Philosoph, als gleichermaßen spitzfindiger wie scharfzüngiger (Frei-)Geist. Insbesondere ein Buch Marcuses, der vorausschauend...
