Lieder von Tag und Nacht
Als Gerard Mortier im Jahr 2002 die erste Ausgabe der Ruhrtriennale programmierte, war sofort klar, dass das zeitgenössische Musiktheater einen neuen Experimentierraum gefunden hat. Auf ehemaligen Industriegeländen, abseits der üblichen Institutionen, Opernhäuser oder Konzertsäle, setzt dieses Festival von Anfang an auf alle möglichen Querverbindungen zwischen Musik, Theater, Tanz und Bildender Kunst.
Das hat zu einer reichen Palette von Perspektiven und Präsentationsformen geführt: von der Oper vor Ort über visuelle Musiktheater-Installationen bis hin zu Kreationen zeitgenössischer Komponisten.
Mit« I Want Absolute Beauty» im Jahr 2024 hat Ivo Van Hove (Intendant von 2024 bis 2026) der Ruhrtriennale ein neues, eigenwilliges Format hinzugefügt: Aufführungen, die auf dem Songkatalog von Musikikonen des 20. und 21. Jahrhunderts basieren. Für «I Want Absolute Beauty» stellte er Songs der Britin PJ Harvey in einen dramaturgischen Kontext, ohne jedoch Text hinzuzufügen. Die Liedtexte sind das sprachliche Element; ohne eine übergreifende Textkonstruktion werden nur sie zum Träger der Erzählung. Dadurch eröffnet sich ein weites Feld an Assoziationen und Atmosphären. Um die Schauspielerin ...
Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.
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Opernwelt August 2025
Rubrik: Magazin, Seite 79
von Koen Tachelet
Antonio Caldara gilt schon lange nicht mehr als jener barocke Kleinmeister, als den man ihn lange Zeit klassifiziert hatte. Für seine Zeitgenossen war er einer der bedeu -tendsten Komponisten überhaupt, seine Berufung an den Wiener Kaiserhof Karls VI., an dem er von 1716 bis zu seinem Tod 1736 wirkte, und die enorme Verbreitung seiner Musik in ganz Europa...
Mit gutem Willen ließe sich sagen: Es war alles so beabsichtigt. Hier der Sänger des Titelhelden, der sich im sehr lyrischen Bereich bewegt und im Angriffsmodus das Florett bevorzugt. Dort der Regisseur mit dem Willen, dem Stück die Machismen auszutreiben. Don Giovanni ist eine Frau – zumindest zeitweise – und dann wieder von ihr besessen. David Hermann hat seinen...
Husten. Babygeschrei. Pingpong. Die Sound-Kulisse des wirklichen Lebens. Der Realismus des Regisseurs Kirill Serebrennikow findet auch akustisch statt, noch bevor das Concertgebouworkest unter Vasily Petrenko seinen Klangluxus entfalten kann. Serebrennikow, der, wie üblich, sein eigener Bühnenbildner ist, hat die enorme Bühnenbreite der Amsterdamer Oper mit einer...
