Liebesleid

Die Bregenzer Festspiele präsentieren eine fesselnde Inszenierung von Massenets «Werther» und die Uraufführung von Fabián Panisellos Musiktheater «Die Judith von Shimoda»

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Vor Beginn der «eigentlichen» neuen Bregenzer Inszenierung von Jules Massenets Goethe-Vertonung «Werther» erleben wir die Realisierung eines Theaterkniffs, der einem häufig schon halbgar vor die Flinte gekommen ist: Vor dem Vorhang wird zunächst ein Text verlesen. Regisseurin Jana Vetten aber überführt dieses Konzept auf attraktive Weise ins Interessante. Denn der Kinderchor rezitiert hier Teile der Goethe’schen «Werther»-Briefe, als Sprach-Kakophonie-Kanon.

Man hört zunächst Anredefloskeln – und aus dem kindlichen Sprachgewirr schälen sich schon bald die textgewordenen Gefühlsweltabgründe Werthers hervor. Alle kleinen Vorleser, zu denen sich bald die reife Charlotte als deren Ersatzmutter gesellt, verbleiben mit aufgerissenen Mündern à la Munch – ein Bild, das am Ende seine schreckliche Rückkehr «feiert», nachdem Werther minutenlang und noch viele Male seine Liebe beteuerte, mit blutdurchtränktem weißem Hemd.

Dann hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf ein begehbares, nur vorne durchbrochenes Rondell, das Ausstatterin Camilla Hägebarth als veritable Spielfläche errichtet hat, auf der die Kinder jauchzend auf- und ablaufen. Gleichzeitig dient das in der Mitte jeweils ...

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Opernwelt November 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Arno Lücker

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