Liebesleid
Vor Beginn der «eigentlichen» neuen Bregenzer Inszenierung von Jules Massenets Goethe-Vertonung «Werther» erleben wir die Realisierung eines Theaterkniffs, der einem häufig schon halbgar vor die Flinte gekommen ist: Vor dem Vorhang wird zunächst ein Text verlesen. Regisseurin Jana Vetten aber überführt dieses Konzept auf attraktive Weise ins Interessante. Denn der Kinderchor rezitiert hier Teile der Goethe’schen «Werther»-Briefe, als Sprach-Kakophonie-Kanon.
Man hört zunächst Anredefloskeln – und aus dem kindlichen Sprachgewirr schälen sich schon bald die textgewordenen Gefühlsweltabgründe Werthers hervor. Alle kleinen Vorleser, zu denen sich bald die reife Charlotte als deren Ersatzmutter gesellt, verbleiben mit aufgerissenen Mündern à la Munch – ein Bild, das am Ende seine schreckliche Rückkehr «feiert», nachdem Werther minutenlang und noch viele Male seine Liebe beteuerte, mit blutdurchtränktem weißem Hemd.
Dann hebt sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf ein begehbares, nur vorne durchbrochenes Rondell, das Ausstatterin Camilla Hägebarth als veritable Spielfläche errichtet hat, auf der die Kinder jauchzend auf- und ablaufen. Gleichzeitig dient das in der Mitte jeweils ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Arno Lücker
Was versprechen sie sich nicht alles vom Theater, die Tragischen, die Lyrischen, die Komischen, die Hohlköpfe und die Sonderlinge in Prokofjews «Die Liebe zu den drei Orangen»? Und können sich am Ende doch auf ein Stück einigen, das nichts anderes als die Oper selbst ist. Am Tiroler Landestheater sind sie denn auch alle willkommen: die mit den antiken Masken, die...
Mit der «Frau ohne Schatten» lieferte Strauss seine reichhaltigste Partitur ab. Charakteristisch sind vor allem das hypnotische Klarinetten-Schneiden des Falken und das abfallende Dreiton-Leitmotiv Keikobads – fast schon explizit textgewordenes Menetekel zu einer Handlung voller (Mit-)Leid: Die Tochter des Geisterkönigs wirft keinen Schatten, sprich, sie kann keine...
Untot, tot oder doch nur totgesagt? Lange hat sich die Operette in den Spielplänen wacker gehalten, brachte Quote und lockte ein Publikum in das Theater, dem Oper zu schwer und das zeitgenössische Musical zu modern war – weil sie ein Bedürfnis nach Eskapismus stillte. Sie war Prototyp einer frühen Popkultur, sprach sogar lange eine jüngere Generation an. Doch die...
