Doch in der Ferne ein Licht
Gott ist allgegenwärtig. Und allmächtig. Egal, wohin man blickt in dieser «romantischen» Oper, in welche Gegend, in welchen Winkel, in welches Gesicht, seine Strahlkraft scheint unantastbar, unermesslich groß. Geht es vor Gericht oder um höhere Gerechtigkeit, wird allein er angerufen, fleht einer der Anwesenden um Gnade, richtet sich seine Hoffnung auf ihn, und selbst in den schlimmsten Momenten versichert man sich seiner Güte. Da ist nur ein kleines, aber nicht ganz unwichtiges Problem: Gott zeigt sich nicht.
Er ist abwesend. Und vielleicht ist er sogar tot.
Man kommt kaum umhin, an Nietzsches weit mehr verzweifeltes als genussreiches Verdikt zu denken, wenn man sich Kirill Serebrennikovs «Lohengrin»-Lesart in der Bastille zu Gemüte führt – und das beinahe buchstäblich. Denn unabhängig von der handwerklich hohen Qualität dieser Neuproduktion (es ist Serebrennikovs Debüt an der Opéra national de Paris) schleicht sich von Beginn an ein enormes Unbehagen ins Innere und übt dieses Unbehagen über fast viereinhalb Stunden zugleich einen unglaublichen Sog aus. Dieser «Lohengrin», der musikalisch zum Feinsten gehört, was die jüngere Rezeptionsgeschichte aufzuweisen hat, ist szenisch ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Was ist sie doch für ein elegantes Räderwerk, diese Olympia, ein Spielzeug, das selbst spielen will. Mit seinen langen Fangarmen greift es nach dem Künstler und schwingt ihn rund um die eigene Achse. Es beglückt ihn wie die Blumen, die Vögel, die Herzen, die aus den Brüsten und aus tiefer gelegenen Körperregionen schießen im zweiten Akt von «Les contes d’Hoffmann»...
Als Volkstheater war das heutige Staatstheater am Gärtnerplatz konzipiert, als es 1865 in München eröffnet wurde. Seitdem hat es wechselhafte Geschicke durchlaufen, aber als Faustregel galt immer: Dem Haus ging es umso besser, je stärker es sich schon im Repertoire von der größeren, finanziell bessergestellten Bayerischen Staatsoper in derselben Stadt absetzte. Je...
Die Causa ist weithin bekannt und in aller Ausführlichkeit durchgekaut worden. Richard Wagner, der politisch verfolgte «Revolutionär» und visionäre Tonsetzer, flieht 1849 ins Schweizer Exil nach Zürich, trifft dort (als deren Klavierlehrer) in der jungen und schönen Mathilde Wesendonck die erste wahre Liebe seines Lebens, verstrickt sich, während er Teile seiner...
