Edle Anmut, leise Größe
Der Mann war ein Phänomen. Pietro Antonio Domenico Bonaventura Trapassi, 1698 in Rom als Sohn eines Gemüsehändlers geboren, gelangte unter seinem Künstlernamen Metastasio europaweit zu ewigem Ruhm. Kaum ein Komponist seiner Zeit kam an den Libretti dieses literarisch so ungemein begabten Dichters vorbei. Der Grund lag auf der Hand: Metastasio besaß die singuläre Fähigkeit, noch die kompliziertesten, kühnsten und absurdesten zwischenmenschlichen Beziehungen so elegant und vital in Verse zu fassen, dass man den Geschichten meist mit dem größten Interesse zu folgen bereit war.
Das besaß Stil, Charme und erheblichen Witz. Doch nicht jeder Tonsetzer konnte diesem Wortwitz die geeigneten Töne hinzufügen, sodass die Zahl derjenigen Komponisten, die bis heute ein Schattendasein in den Schub -laden der Musikgeschichte fristen, enorm ist. Die Bühnenwerke eines Johann Adolph Hasse, eines Christoph Willibald Gluck und auch eines Tommaso Traetta kennt man zur Genüge. Aber wer wollte seriös von sich behaupten, über Leben und Wirken beispielsweise von Giovanni Battista Ferrandini, Michelangelo Valentini oder (mit Abstrichen) Andrea Bernasconi mehr zu wissen als einige winzige Tupferchen?
Das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 34
von Jürgen Otten
Es ist ein altes Lied im Opernkanon: Die Frau, die zu stark ist, wird entweder brutal ermordet, begeht Selbstmord, tanzt in den Wahnsinn oder löst sich anders tragisch auf. Was zu stark ist, muss zerstört werden, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Und dies ist nicht das einzige Problem: Um den Ausstattungswert zu erhöhen, wird die Handlung oft in märchenhafter...
Fangen wir, aus gegebenem Anlass, mit der Musik an. Zweiter Akt, Finale. Das Dunkel scheint sich zu lichten, wo vorher sehr viel f-Moll war, dominiert nun pastoral-pfiffiges F-Dur. Ein Tanz im Viervierteltakt, übermütig, zugleich hintergründig – Giuseppe Verdi wusste sehr wohl, wie man Klänge subversiv einwirken lässt. Und so ist es auch in diesem Allegro brillante...
Als Jean-Baptiste Lully 1687 starb, stand die Tragédie en musique vor einem epochalen Umbruch. Zwei Musiker schlugen neue Wege ein – André Campra und Henry Desmarest. Campra trug den Sieg davon, weil Desmarest, der begabteste Komponist in Lullys Nachfolge, 1699 aus Frankreich fliehen musste. Es dauerte mehr als drei Jahrhunderte, bis mit der 1694 uraufgeführten...
