Liebe in Zeiten des Phlegmas
Das Bild ist ein bekanntes, nicht nur, weil Edward Hopper es in verschiedenen Varianten gemalt hat. Einsam dort ein Mann, nächtens, in irgendeiner Bar irgendwo, den Kopf schwermütig auf den blankgewienerten Tresen gelehnt, niemand mehr ist da außer ihm und dem Wirt. Ein Gestrandeter, am Leben Verzweifelter, ein Mann, der die Welt nicht mehr versteht. Doch da ist ein feiner Unterschied. Denn dieser Mann hat eine Stimme: eine mächtige Stimme. Vielleicht die schönste Stimme, die jemals sich in diese Demimonde-Atmosphäre (Bühne: Anne Neuser) verirrte.
Orpheus heißt ihr Inhaber, jener mystischer Sänger, der alles und alle zu bezwingen vermochte.
In der Inszenierung des belgischen Regisseurs Ingo Kerkhof, die, nachdem sie in der vergangenen Saison in Linz auf die Bretter gelangte, nun renoviert an der Staatsoper Hannover präsentiert wird, hat sich der Künstler, der er auch hier noch ist in der fesselnden Darstellung des Baritons Lauri Vasar, gleichwohl ohne seine legendenumwobene Lyra ins Halbdunkel der Normalität verirrt. Und nicht der Fährmann der Unterwelt, Caronte, steht ihm, nachdem die Feiergemeinde zu Bett gegangen, gegenüber (und fällt seinen Lyrismen schließlich gerührt zum ...
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Eine merkwürdige, vielfach bestätigte Erfahrung: die Premiere einer Neuinszenierung, endend in einer Schlacht zwischen Buh und Bravo, von den Medien kontrovers kommentiert. Die zweite Vorstellung sodann ungestört, mit ein paar vereinzelten Buhrufen, die sich eher wie ein Accent aigu zur allgemeinen Zustimmung ausnehmen. So jetzt wieder bei der Neuproduktion von...
«Wenn nur meinem Kopf nichts passiert, es sind noch so viele schöne Sachen drin», sagte Rudi Stephan zu seiner Mutter, bevor er sich am 13. September 1915 am Wormser Bahnhof von ihr verabschiedete und sich freiwillig zur Ostfront transportieren ließ. Sechzehn Tage später war er tot, getroffen von der Gewehrkugel eines russischen Soldaten. Mit 28 Jahren war ein...
Dem Regisseur Dietrich Hilsdorf ist es gelungen, sich seit mehr als zwei Jahrzehnten den Ruf eines ewig jungen Wilden zu bewahren. Opernwerke wirken auf ihn wie Festungsanlagen. Diese wollen beschossen und danach erstürmt sein. Was danach kommt, präsentiert sich unterschiedlich. Entweder wird die Festung wieder aufgebaut, oder sie wird geschliffen. Dann bleibt vom...
