Lichte Stunden
Die Schwestern Nadia (1887–1979) und Lili Boulanger (1893–1918) gehören zu den Ikonen der Gender-Musikgeschichtsschreibung. Die frühverstorbene Lili, in Nadias Überzeugung die erste bedeutende Komponistin, hinterließ ein schmales, aber gewichtiges Œuvre. Nach Lilis Tod empfand Nadia ihr eigenes Schaffen als «überflüssig», gab das Komponieren auf und stellte ihr Wirken als Dirigentin wie Pianistin ganz in den Dienst ihrer Schwester.
Eine jetzt auf drei CDs erschienene, vom Centre international Nadia et Lili Boulanger geförderte Gesamteinspielung aller Lieder – 38 von Nadia, 17 von Lili – rückt die Perspektiven, die Gewichte entschieden zu Gunsten der Älteren zurecht.
Ausgangspunkt für Nadia wie Lili Boulanger war das Schaffen Faurés und Debussys, die das französische Lied mit der Vertonung der symbolistischen Lyrik Verlaines endgültig aus den Niederungen der Salonromanze befreiten. Nadia ist dabei stärker von den Zeitgenossen beeinflusst (Fauré war ihr Kompositionslehrer), während die begabtere Lili bereits ahnen lässt, welchen Weg die neue Musik nach dem Ersten Weltkrieg gehen wird. Bei beiden steht das streng syllabisch vertonte Wort im Zentrum und nimmt den Charakter eines zwar ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 35
von Uwe Schweikert
Durchs Hagener Theater weht ein leiser Hauch von Buenos Aires. Ein Akkordeon ist es, mit einer wehmütigen Melodie, die auch von Astor Piazzolla stammen könnte. Komponiert hat sie aber Péter Eötvös für seine Tschechow-Oper «Tri sestry», als Inbegriff jener Melancholie, die schon im zugrundeliegenden Theaterstück fast alle Personen ergreift, von Beginn an. Tschechows...
Die Wirklichkeit ist eine (im besten Sinne) merkwürdige Angelegenheit. In jeder Sekunde tauchen wir in sie ein, nur wähnend, was uns in ihren Tiefen erwartet, was sie uns entgegenbringt, ja: woraus sie grundlegend besteht und als was wir dieses Grundlegende deuten dürfen. Wir definieren Wirklichkeit und müssen doch zugestehen, dass dies wenig nützt, weil die...
Ein Libretto für eine Symphonie! – ein Orchester, das eine Oper darstellt!» Mit Enthusiasmus für das scheinbar Unmögliche begrüßt Berlioz’ Librettist Émile Deschamps, der zuvor am Libretto von Meyerbeers «Hugenotten» mitgewirkt hatte, die Idee einer Symphonie dramatique mit Gesangssolisten und Chören. «Roméo et Juliette» wird, nach dem Misserfolg des «Benvenuto...
