Lebende Skulpturen

In Schönbergs «Moses und Aron» an der Komischen Oper Berlin war der Chor das Epizentrum. Wie hat er das gemacht?

Opernwelt - Logo

Wie eine Walze aus Leibern rollt der Chor die Terrassenbühne hinunter auf das Publikum zu. Bildet einen Schwarm, der sich zusammenzieht, auseinanderstiebt. Beben der Furcht, Wogen der Ekstase, Stürme der Wut: Masse ist Macht.

Es gibt Chordirigenten, die «Moses und Aron» nachts nicht schlafen lässt. Schönbergs Oper ist kein Zuckerschlecken. Abhängig von totaler Präzision und stilistischer Versatilität. Oft unangenehm für die Stimme – was Schönberg von den Ersten Tenören und Ersten Sopranen verlangt, kommt Hochleistungssport gleich.

Auch einer starken Kondition bedarf es, denn ab der dritten Szene, wo der Chor zum ersten Mal auf die Bühne kommt (Moses und Aron verkünden dem Volk die Botschaft Gottes), wird 90 Minuten nonstop durchgespielt. Eine Herausforderung. Potenziell ein Alptraum. «Für mich ein Traum», sagt David Cavelius, Chordirektor der Komischen Oper Berlin, und hinter den Brillengläsern blitzen seine Augen herausfordernd. «Aber die Voraussetzungen müssen stimmen.»

Die wichtigste: Zeit, Zeit und nochmals Zeit. «Sonst kann man es gleich lassen. Es sei denn, man gibt sich damit zufrieden, den Chor statisch zu arrangieren. Oder, noch schlimmer, mit Noten auf die Bühne zu ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2015
Rubrik: Bilanz des Jahres, Seite 114
von Wiebke Roloff

Weitere Beiträge
«Ich hatte Glück im Leben, von Anfang an»

Noch immer hat niemand die Lücke geschlossen, die sie nach ihrem Abschied von der Opernbühne 1997 hinterließ. Welche Sopranistin reicht heute an ihre Vitellia, Abigaille oder Leonora heran? Fast vergessen ist, dass Julia Varady sich auch vehement für Musik des 20. Jahrhunderts einsetzte. Davon zeugt nicht zuletzt ein CD-Recital mit Liedern von Kodály, Bartók,...

Wichtige Regisseure der Saison

Strauss’ «Daphne» (mit Agneta Eichenholz in der Titelpartie) verortet Christof Loy «in einem Klima kaum mehr nur latenter Gewalt und permanenter männlicher Brunft» (OW 4/2015). Was am Theater Basel zu besichtigen war, «kann man das Prinzip Loy nennen. Es ist das Prinzip Verknappung, das Prinzip Andeutung.»

«Die Sache mit der großen Liebe, der wahren, alles...

Schlüsselreize

Obersalzberg, freier Blick auf Rom. Vorm Panoramafenster in Berchtesgaden kann der Volkstribun Cola Rienzi ungestört seinen Befriedungsfantasien nachhängen. Dem Zuschauer wird nicht recht wohl dabei. In der getäfelten Hölle des Berghofs fand Regisseur Philipp Stölzl sein bislang frappierendstes, polarisierendstes, unverschämtestes Bild. Ein Kurzschluss! Rienzi und...