La Voix humaine
Der «Lear» machte ihn 1978 schnell berühmt. Nicht nur durch die Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper: Es waren kleinere Häuser wie Düsseldorf, Nürnberg und Oldenburg, in denen diese Oper sofort fesselte. Nahezu haptisch greifbare Cluster, Akkordwände, die scharf kontrastieren zu äußerster melodischer Verdichtung, Einsamkeit, Innigkeit: Aribert Reimann schrieb Musik einer Gegenwart, die sich sinnlich erfahren ließ, weil sie den Begriff des Erzählens weit und flexibel fasste.
In mehr als 30 Produktionen, zuletzt Anfang des Jahres an der Staatsoper Hannover, ist der «Lear» inzwischen weltweit gespielt worden.
Aribert Reimann mit dem «Lear» zu identifizieren, greift dennoch zu kurz. Mit jedem Werk entwickelte er eine elaborierte Eigensprache, einen spezifischen Duktus, eine besondere Grammatik. In «Bernarda Albas Haus» nach García Lorca zum Beispiel gruppiert sich eine überschaubare Anzahl von Musikerinnen und Musikern um vier, zum Teil präparierte Flügel: Zwölf Celli gehören dazu, solistisch besetzte Holz- und Blechbläser, keine Geigen, keine Bratschen. Auf ein sperriges Klangbild läuft das hinaus, auf archaische Wirkungen, die die absurde Situation von jungen Frauen einfangen, ...
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Opernwelt Mai 2024
Rubrik: In Erinnerung, Seite 68
von Stephan Mösch
Unermüdlich wirkt der Geist, der forscht. 92 Jahre alt ist Alexander Kluge, einer der maßgeblichen Intellektuellen dieses Landes, im Februar geworden und nach wie vor mit einer Wachheit gesegnet, die sich viele jüngere (und wokere) Teilnehmer an gesellschaftspolitisch-künstlerischen Diskursen vermutlich wünschen würden. Jüngster Beleg ist ein gemeinsam mit Sonja...
So viel gereckte Fäuste, wütend im Widerstand gegen eine verkehrte Welt. Später dann, am zweiten Abend des zweiteiligen, von Krystian Lada arrangierten Verdi-Pasticcios an Brüssels La Monnaie: so viel Pistolengefuchtel wie lang nicht mehr gesehen; schließlich geht es ja um die Geschichten von ein paar Männern und Frauen, damals, 1968, und 40 Jahre danach. Zwischen...
Manchmal entscheiden die ersten Minuten über den Ton einer Aufführung, und damit ist nicht die Musik gemeint. In Nürnberg entert ein munterer Mann das Parkett. «He, ho, Waldhüter», ruft er. Weniger in Richtung Knappen, sondern gen Premierengemeinde. Nicht einschlafen, die Sache dauert schließlich noch fünf Stunden, signalisiert er augenzwinkernd – und küsst einer...
