Kühner Zugriff
Neben allen zutiefst berechtigten Klagen über die verheerenden Folgen der Corona-Pandemie für den Kulturbetrieb gibt es einige positive Nebeneffekte zu registrieren: Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass gerade kleinere und mittlere Häuser besonders kreativ mit der Krise umgehen, sich nicht vor waghalsigen Experimenten scheuen und ihre Säle auch akustisch überzeugend mit reduziertem Personal zu füllen wissen.
Den Beweis führt die rasante Verdi-Dekonstruktion (respektive Überschreibung) «Dunkel ist die Nacht, Rigoletto!» in Bielefeld, die sich an ein Kernstück des Repertoires wagt und dessen erstaunliches Talent zum Kammerstück enthüllt.
Auf Anna Schöttls grob gezimmerten Brettern, die an eine rustikale Bühne der Shakespeare-Zeit erinnern, steht zu Beginn bloß altes Gerümpel: verschlissene Koffer, zerkratzte Stühle. Dieser Sperrmüll bildet später das spärliche Mobiliar, das die Darsteller selbst auf der Bühne arrangieren. Zwei hagere ältere Männer lümmeln herum, sie sehen einander zum Verwechseln ähnlich und sind auf die gleiche Weise entstellt durch einen Buckel. Rigoletto also als gespaltene Persönlichkeit: Der eine (Stefan Imholz) wird späterhin auf Deutsch Texte aus Victor ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Regine Müller
Es ist ein prachtvoller Bildband, den der Schott Verlag zu seinem 250. Geburtstag herausgebracht hat: eine Übersicht all der Erstausgaben, der Niederlassungen in aller Welt, vor allem aber der großen Komponisten, die man bei ihrer Arbeit begleitet und auch bezahlt hat, von Beethoven über Wagner bis Strawinsky, von Hans Werner Henze über György Ligeti bis Chaya...
Zu den fatalen Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie gehören nicht nur rechte Verschwörungstheorien, sondern auch parareligiöse Rechtfertigungsversuche: Das Virus käme quasi zur rechten Zeit, um die fehlgeleitete Menschheit zur Umkehr zu bewegen, denn von «Fortschritt», Liberalität, Konsum und Reisen gelte es Abschied zu nehmen. Doch in Anbetracht unzähliger...
Kurz war er, der Sommer der Anarchie. Kurz, aber schön. Intensiv, gedankenreich, lustvoll. Zugleich ähnelte er ein wenig jener blassblauen Frauenhandschrift, die weiland den Werfel’schen Sektionschef Leonidas so tief bewegte: Als der Brief Vera Wormsers eintrifft, ist ihre Handschrift kaum mehr zu entziffern – und doch so präsent wie eine wehmütige Erinnerung....
