Im Lustgarten

Olivia Vermeulen interpretiert, begleitet von Jan Philip Schulze, mehr oder weniger schlüpfrige Liebeslieder aus verschiedenen Jahrhunderten

Opernwelt - Logo

Oscar Wilde widersprach dem Moralkodex: «A dirty mind is a joy forever». Auch der Sänger Sting meinte, es gebe keine Religion außer Sex und Musik. Beide wären der Hölle versprochen, wenn der Schöpfer dem Menschen sarkastischerweise den mächtigsten Trieb geschenkt hätte, nur um diesen im Gegenzug zu verdammen. Doch die Kunst hat sich im Innersten wohl nie um die moraltheologische Bewertung libidinösen Tuns gekümmert, sondern ihre Schaffenslust und Fantasie oft aus einer entschiedenen Überschreitung des sechsten Gebots generiert. Auch im Genre des Kunstlieds.

Manchmal poetisch durch die Blume, etwa beim vom wilden Knaben gnadenlos gebrochenen Heide­röslein Goethe/Schuberts oder dem offenbar auf Lesbos blühenden Veilchen, ebenfalls nach dem Text des durchaus zu Frivolitäten neigenden Dichterfürsten und in Mozarts populärer Melodie. Manchmal auch vermittels doppeldeutiger Symbole aus dem Tierreich, etwa der hingebungsvoll gestreichelten Katze (die sich so schön auf Glatze – angeblich Zeichen besonderer männlicher Potenz – reimt, wie in Schönbergs «Brettl-Liedern»). Beliebt auch der sich windende Aal oder die Ähnliches vollziehende Schlange, wie bei Mörikes «Erstem Liebeslied eines ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Ambivalent

Die Lizenz zum Texttöten erstreckt sich längst auf das gesamte Repertoire, aber der «Fidelio» genießt bei Regie-Tyrannen immer noch einen hohen Rang, wenn es darum geht, einem Libretto den Garaus zu machen. Mit Beethovens epochaler Rettungs- und Befreiungsoper konnten sie alle etwas anfangen, Monarchisten anno 1814 und Demokraten anno 1848, Faschisten wie...

Arg lückenhaft

Beethoven und kein Ende im Jubiläumsjahr, das musikalisch haupt­sächlich virtuell stattfand. Umso heftiger schlug die Buchbranche zu. Besonderes Interesse weckte die Biografie des Stuttgarter Bratschisten und Musikantiquars Ulrich Drüner, der 2016 mit einem denkmalstürzenden Wagner-Buch Aufsehen erregt hatte. Jetzt versucht er Beethovens «komplexe Persönlichkeit»...

Varieté sans vérité

In seiner Begrüßungsrede versprach Barrie Kosky dem Publikum «zweieinhalb Stunden vollkommenen Blödsinns» – womit seine Inszenierung beinahe erschöpfend umschrieben ist. General Bumm und die adligen Kretins am Gerolsteiner Hof turnen im kugelrunden Distanzdress über die leere Bühne, die Slapsticks sind auch nicht durchweg haute couture, sondern oft von der Stange,...