Kühles Delirium
Normalerweise ist es umgekehrt. Sobald Komponisten sich ein Stück Literatur vornehmen, wird es durch die Musik verallgemeinert, im Tonfall gemildert, oft humanisiert. Was vom Schriftsteller als kühle Diagnose notiert ist, erscheint auf der Musikbühne als Anliegen von primär emotionaler Sprengkraft. So geschehen bei Bergs «Wozzeck», Strauss’ «Salome», Janáceks «Die Sache Makropulos», von Einems «Dantons Tod», Blachers «Yvonne» und vielen anderen Opern. «Der Spieler» nach Dostojewskis Roman aus dem Jahr 1866 gehört nicht in diese Reihe.
Prokofjew pustet Mentalitätsbeschreibungen, Seelenschau und Moral seiner Vorlage einfach weg. Er treibt ihre Skurrilitäten ins Extrem, überdreht ihr Tempo und kitzelt eine tragische Farce heraus. Nichts will diese Musik weniger als begleiten oder melodische Inseln schaffen. Sie macht, von vorne bis hinten, vor allem eins: Sie reißt den Text an sich. Sie malt ihn aus, sie verfolgt seine Brüche, Sprünge und übersetzt sie in plastische Orchesterfarben. Gern bläst sie Tonfälle ironisch auf, zieht sie ins Grelle, Überdeutliche. Sie verfertigt kühle Diagnosen und kichert sich dabei schlapp.
Was und wie die Figuren artikulieren, denken und verschweigen, ist ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Als Konsumgut, das dem Publikum durch Momente etwas wert sei, die der Sache gar nicht wesentlich wären, werde es zu einem anderen als es selbst, hatte Adorno vor mehr als vierzig Jahren über das Phänomen Oper formuliert. Auf trivialer Ebene entspricht diesem Statement ein Cartoon, der 2005 anlässlich des Hype um Anna Netrebko bei der «Traviata» in Salzburg in einer...
«Es war ein wirkliches Erlebnis meines Beobachterjahres, als ich das Diminuendo seines hohen C's in ‹Salut, demeure chaste et pure› hörte. Solange ich lebe, werde ich die Schönheit dieses Tons nicht vergessen.»
(Rudolf Bing, «5000 Abende in der Oper»)
Als Rudolf Bing auf die Erfahrungen seines langjährigen Opernmanagerlebens zurückblickte, beschrieb er den Sizilianer...
Herr Cura, am Tag der Premiere von Massenets «Le Cid» in Zürich erfuhren Sie, dass Ihr Vater gestorben ist. Dennoch haben Sie gesungen.
Ja, es war ein Alptraum und eine sehr besondere Situation zugleich. Ich hatte intuitiv immer gewusst, dass mich eine solche Nachricht irgendwann, wenn man gar nicht damit rechnet, erreichen würde. Nur war mir auch klar, dass ich...
