Kühles Delirium

Wiedergeburt eines Meisterwerks: Stephan Mösch über Prokofjews «Spieler» an der Berliner Staatsoper

Normalerweise ist es umgekehrt. Sobald Komponisten sich ein Stück Literatur vornehmen, wird es durch die Musik verallgemeinert, im Tonfall gemildert, oft humanisiert. Was vom Schriftsteller als kühle Diagnose notiert ist, erscheint auf der Musikbühne als Anliegen von primär emotionaler Sprengkraft. So geschehen bei Bergs «Wozzeck», Strauss’ «Salome», Janáceks «Die Sache Makropulos», von Einems «Dantons Tod», Blachers «Yvonne» und vielen anderen Opern. «Der Spieler» nach Dostojewskis Roman aus dem Jahr 1866 gehört nicht in diese Reihe.

Prokofjew pustet Mentalitätsbeschreibungen, Seelenschau und Moral seiner Vorlage einfach weg. Er  treibt ihre Skurrilitäten ins Extrem, überdreht ihr Tempo und kitzelt eine tragische Farce heraus. Nichts will diese Musik weniger als begleiten oder melodische Inseln schaffen. Sie macht, von vorne bis hinten, vor allem eins: Sie reißt den Text an sich. Sie malt ihn aus, sie verfolgt seine Brüche, Sprünge und übersetzt sie in plastische Orchesterfarben. Gern bläst sie Tonfälle ironisch auf, zieht sie ins Grelle, Überdeutliche. Sie verfertigt kühle Diagnosen und kichert sich dabei schlapp.
Was und wie die Figuren artikulieren, denken und verschweigen, ist ...

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Opernwelt Mai 2008
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
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