Klingende Wissenschaft
«Wehe der Zeit, die keine Helden hat», klagt Galileos Lieblingsschüler. Und der Meister flüstert ihm zu: «Wehe der Zeit, die Helden nötig hat». Dann wendet er sich zu Tisch, weil er, der von der Inquisition überwachte, verachtete und gebrochene Wissenschaftler, immer noch gern isst. So endet Michael Jarrells Oper «Galilée», ein Werk, im Auftrag des Genfer Grand Théâtre entstanden, das ebenso bewegende Momente hat, wie es Fragen aufwirft.
Jarrell rückt in «Galilée» nach Brechts «Das Leben des Galilei» das Wort, den Text der Vorlage, ins Zentrum.
Die unterschiedlichsten Ausdrucksebenen, sei es in Ensembles, als Arioso, als Sprechgesang oder ganz einfach im Sprechen, schaffen ein dichtes Netz an Hinweisen auf die Emotionalität, mit der die einzelnen Charaktere ihre Interessen vertreten. Brecht hat 1938 am historischen Beispiel Galileos, der das alte Weltbild mit der Erde im Mittelpunkt in Frage stellte, das Dilemma des Wissenschaftlers zwischen Freiheit und Zwang, Wissen und Glaube deutlich gemacht. Nach dem Krieg betonte Brecht unter dem Eindruck der Hiroshima-Bombe mehr den Wissenschaftler als Anpasser. Jarrell, der Brechts Text persönlich gekürzt und als Stationenfolge von zwölf ...
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