K(l)eine Wunder
Fangen wir mit dem Nachspiel an. Und das bedeutet einen Blick zurück. Es war Heiner Müller, der «Tristan» 1993 in Bayreuth aus postdramatischer Distanz betrachtet hat. Ihm gelang, woran nun Roland Schwab schönheitstrunken vorbeimarschiert: Zustände statt Umstände zu inszenieren. Zum Widerstand und Wohle der Musik. Dabei fiel ihm auf, dass sein «Quartett» nach Laclos’ Briefroman «Gefährliche Liebschaften» als Satyrspiel zu Wagners «Handlung» passen würde – vorausgesetzt natürlich, die hätte statt des Liebestodes ein Happy End. Tristan und Isolde also nach zehn Jahren Ehe.
Was damals wie flapsiges Selbstmarketing wirkte, bestand nun – ausgerechnet in Bayreuth – seinen ultimativen Praxistest. Und der ging blendend auf im alten «Reichshof»-Kino am Markplatz, einen Tag nach der «Tristan»-Premiere. Dagmar Manzel und Sylvester Groth nehmen der opulenten Lakonie von Heiner Müllers Geschlechterkampf jede Überdeutlichkeit. Sie lassen sich versprengte Sequenzen des «Tristan»-Librettos pathosfrei auf der Zunge zergehen. Nietzsche blitzt auf und Strindbergs «Totentanz», von dem Heiner Müller viel profitiert hat.
«Nach Tristan» heißt dieses gut einstündige Pasticcio, das Regisseur Ingo Kerkhof ...
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Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Stephan Mösch
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