Kinderweihnachtsmärchen
Der chinesisch-amerikanische Komponist Tan Dun ist ein seltsamer Fall. Seine Vorbilder, sagte er einmal, seien Toru Takemitsu und John Cage, Hans Werner Henze und Dmitri Schostakowitsch. Gegensätzlicher könnten geistige Väter kaum sein. Der Personalstil des postmodernen «Mischlings» ist also vor allem daran zu erkennen, dass er keinen hat. Tans Werke sind offen für Einflüsse, sie erinnern in ihrer geschachtelten Baukasten-Faktur, ihrer Fülle illustrativer Allusionen (seltener: Zitate) an die Machart moderner Musicals.
Und vielleicht deshalb erfreuen sich seine Opern relativ großer Akzeptanz; sie werden öfter nachgespielt, als es sonst neuen Opern, die es meist nicht weiter bringen als bis zur Ur-Derniere, beschieden ist.
Andererseits: Wer festhält an dem durch Beethoven vorangetriebenen, von Schönberg beglaubigten Ideal einer originalschöpferischen Opus-Musik, der kann Tan Duns Multikulti-Kompott vom Kitsch- und Kunsthandwerkverdacht nicht ganz freisprechen. Und so fährt man also, das Für und Wider abwägend, zwölf Jahre nach der Münchner Uraufführung von Tans Erstlingsoper «Marco Polo» nach Amsterdam, um das Stück erneut (und die eigenen Vor-Urteile) zu überprüfen – und sieht sich, ...
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