Kinderträume
Wir stellen uns die Szene vor. Eine Party. Im Salon die Erwachsenen, angeregt über Politik, Wirtschaft, Sport und Gesellschaft disputierend. Nebenan eine bunte Rasselbande, im enthemmten Durcheinander. Mitten unter ihnen, auf Knien durchs Zimmer rutschend, ein soignierter Herr im Anzug ... Eine Fiktion. Allein, sie war Realität. Maurice Ravel liebte es, unter den wilden Kerlen und Gören mit ihren Stofftieren und Schnodderschnuten zu weilen, hier fühlte er sich wohl.
Weswegen es wenig verwundert, dass er irgendwann daran ging, eine Fantasie lyrique zu schreiben, deren (etwas störrischer) Held ein Kind ist, dem animalische Freunde die Leviten lesen: «L’Enfant et les sortilèges». Ein Stück voller Fantasien, reich an verrückten Wendungen, mit zauberhafter Musik. Ein Kindertraum.
Zwei neue Aufnahmen atmen exakt diesen Geist. Die Magie der Vergessenheit. Das Traumhafte. Unerhörte Sinnlichkeit im Leicht-Schwebenden. All das entlocken sowohl Mikko Franck an der Spitze des Orchestre Philharmonique de France als auch Stéphane Denève und das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart der Partitur, pointiert, mit schillernden Valeurs und spektral aufgefächerten Farben, beide sehr «französisch», fein ...
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Vor siebzig Jahren ging in der Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg das erste Holland Festival über die Bühne. Das Gründungsfieber lag damals offenbar in der Luft, denn fast zeitgleich wurden auch die Festivals in Avignon (1947) und Aix-en-Provence (1948) ins Leben gerufen. Unter ihnen bietet das Holland Festival bis heute das breiteste Programm – in diesem...
Als vor 50 Jahren der Konzertsaal von Snape Maltings in Anwesenheit der Queen mit «A Midsummer Night’s Dream» eröffnet wurde, war das eine Pioniertat. Denn der langgezogene Bau aus viktorianischer Zeit ist eine der ersten Industrieanlagen überhaupt, die – lange bevor dergleichen im Ruhrgebiet inflationär betrieben wurde – eine Umnutzung zur Hochkulturstätte erfuhr....
Eine indische Frau kann auch ohne roten Bindi auf der Stirn schön sein, wenn sie Olga Peretyatko heißt (die freilich neuerdings auch den Namen ihres italienischen Dirigentengatten Michele Mariotti führt) und über einen eleganten, kraftvollen Sopran verfügt. Dass die dramatisch überzeichneten Koloraturen nicht recht passen wollen zu einer Priesterin, fällt dabei...
