Kein Gebieter, nirgends
Ja, es gibt Vorurteile gegen dieses Stück: nicht zu Unrecht. Ganz ausgereift erscheint die Geschichte nicht, wirkt zudem bei oberflächlichem Blick wie ein «Rosenkavalier»-Imitat, wie der fahle Nachhall des Geniestreichs. Ist es aber nicht, wenn man genau hinschaut. Und vor allem: hinhört.
Dann wird schlaglichtartig die Vergänglichkeit der Epoche bewusst, und wie sehr die Klänge sie offenbaren: slawische Volksweisen als bloße Zitate, Walzer nurmehr mit gebrochenen Flügeln, hastig ins Leere laufend, eine heillos übertriebene Terzen- und Sextenseligkeit, kurzum: illuminierte Musik mit einem Schuss Koloraturtrivialität; affirmativ, illustrativ, selten kontemplativ.
Ein denk- und merkwürdiger Fall also, diese «Lyrische Komödie» des virtuosen Gespanns Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, wobei: Gänzlich verdichtet hat Hofmannsthal das Libretto nicht; er starb, bevor er es vollenden konnte. Die Uraufführung am 1. Juli 1933 in Anwesenheit von veritabler Naziprominenz in Dresden erlebte der Dichter nicht mehr. Gut möglich, dass diese ihm aufgrund der politischen Umstände (beide Widmungsträger des Werkes, GMD Fritz Busch und Intendant Alfred Reucker, waren vom Hofe gejagt worden) auch ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Jürgen Otten
Auch wenn der Sitznachbar zur Linken die Frage, ob er denn Englisch spreche oder gar Deutsch, mit sanftem Nachdruck zurückweist («Český!!»), auch wenn wir in der Aufführung einer die nationale Folklore feiernden Smetana-Oper sitzen, ist dieser Abend keine subversive Manifestation eines kulturellen Tschexit. Selbst wenn Jiři Nekvasil, seit 2010 Intendant des Národní...
Am 3. Dezember 2003, als noch der universell gebildete Gioacchino Lanza Tomasi Regent des Teatro San Carlo in Neapel war, wurde die Premiere von Klaus Michael Grübers und Anselm Kiefers «Elektra» einhellig gefeiert. Im Jahr darauf erhielt sie den begehrten Abbiati-Preis des Verbandes italienischer Musikkritiker. Auch die Wiederaufnahmen an Venedigs La Fenice und...
Gleich der erste Blick verrät es. Entsetzliches ist geschehen. Wie ein angeschossenes Reh hockt Mélisande, am ganzen Leib zitternd, in der Ecke jenes weiß gekachelten Raumes, dessen kalte Sterilität an das Interieur von Sarah Kanes «Gesäubert» erinnert, in seiner Mischung aus Schlachthaus, Pathologie und – versinnbildlicht durch ein kleines Holzkreuz – christlicher...
