Kabinettstückchen

Julian Pölser und Andreas Wolf zeigen Aribert Reimanns «Gespenstersonate» am Theater Lübeck als bittersüße Gesellschaftssatire

Opernwelt - Logo

Man spielt die alten Rollen weiter, gibt die Lügen von einst als Wahrheit aus, lässt die Leichen im Keller schmoren. Das wird schon gut gehen, so lange niemand, der dort nicht ohnehin seit Jahren sein Unwesen als Untoter treibt, dieses Horrorhaus betritt und nachfragt. Doch der parsifaleske reine Tor, Student Arkenholz (Yoonki Baek singt die extrem hohe Tenorpartie frei, leicht und glänzend), ein echtes Sonntagskind, kann Tote sehen. Eine entlarvende Fähigkeit, die das rituell wiederholte Geistersouper, dem die immer gleichen Gäste beiwohnen, gehörig durcheinanderwirbelt.

Ein Kabinettstückchen der Gesellschaftssatire bringt Regisseur Julian Pölser am Theater Lübeck da auf die Bühne. Strindbergs Text scheint so bereits auf den bitterbösen Thomas Bernhard vorauszuweisen. Und Aribert Reimanns Kammeropern-Anverwandlung von 1984 besticht in ihrem radikal reduzierten, dabei atmosphärisch intensiven, gestisch geladenen musikalischen Filigran als eine ungemein assoziationsreiche Avantgarde von subkutaner Wirkungsmacht. Andreas Wolf und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck entfachen dazu eine fein ausgehörte, intonatorisch sublime tosende Stille immer neuer Erinnerungsfetzen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Magazin, Seite 61
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Chamäleon

Für den Tod wurde es eine Hängepartie. Das Schach-Match, im Mai 1976 mit der ersten Krebsdiagnose begonnen, endete erst im April 2020. Sich selbst sah Peter Jonas dabei als Ritter, als spielendes, tricksendes Gegenüber des Sensenmanns. So wie es Ingmar Bergman in «Das siebente Siegel» erzählt. Der Film sei «Symbol meines Lebens», pflegte Jonas zu sagen, immer...

Nachts im Museum

Selbstständig ist der verlorene Sohn geworden, und ganz anders. Was Wunder: mit 43 Jahren und nach einer Tour d’Opéra über fast 30 Bühnen der Welt. Vor allem aber hat sich dieser «Lear» emanzipiert von jener Ästhetik, ob visuell oder vokal, mit der er 1978 bei den Münchner Festspielen das Licht einer damals teils buhenden, später nur noch entzückten, gebannten,...

Apropos... Nostalgie

Frau Glojnarić, in Ihrer jüngsten Komposition #artefacts, die im Dezember vom «WDR» aufgezeichnet wurde, widmen Sie sich der Nostalgie. Ist das nicht ein plattgetretenes Thema?
Nun, in den 1970er-Jahren war Nostalgie wie der Tritonus im Barock: Sich damit auseinanderzusetzen, mit allem, was an das «bürgerliche Erbe» erinnert hat, ging gar nicht. Das hat sich sehr...