Kabinettstückchen
Man spielt die alten Rollen weiter, gibt die Lügen von einst als Wahrheit aus, lässt die Leichen im Keller schmoren. Das wird schon gut gehen, so lange niemand, der dort nicht ohnehin seit Jahren sein Unwesen als Untoter treibt, dieses Horrorhaus betritt und nachfragt. Doch der parsifaleske reine Tor, Student Arkenholz (Yoonki Baek singt die extrem hohe Tenorpartie frei, leicht und glänzend), ein echtes Sonntagskind, kann Tote sehen. Eine entlarvende Fähigkeit, die das rituell wiederholte Geistersouper, dem die immer gleichen Gäste beiwohnen, gehörig durcheinanderwirbelt.
Ein Kabinettstückchen der Gesellschaftssatire bringt Regisseur Julian Pölser am Theater Lübeck da auf die Bühne. Strindbergs Text scheint so bereits auf den bitterbösen Thomas Bernhard vorauszuweisen. Und Aribert Reimanns Kammeropern-Anverwandlung von 1984 besticht in ihrem radikal reduzierten, dabei atmosphärisch intensiven, gestisch geladenen musikalischen Filigran als eine ungemein assoziationsreiche Avantgarde von subkutaner Wirkungsmacht. Andreas Wolf und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck entfachen dazu eine fein ausgehörte, intonatorisch sublime tosende Stille immer neuer Erinnerungsfetzen ...
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Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Magazin, Seite 61
von Peter Krause
Am 9. Mai 2021 wäre sie 100 Jahre alt geworden. Doch Sophie Scholl erlebte nicht einmal ihren 22. Geburtstag. Wie ihr Bruder Hans, weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe «Weiße Rose» und unzählige andere couragierte Gegner des nationalsozialistischen Terrorregimes geriet die kluge, aufgeklärte junge Frau in die Fänge der Gestapo; am 22. Februar 1943 wurden Sophie...
«Das britische Volk hat gesprochen», proklamiert Atholl Swainston-Harrison in sphinxhaftem Ton. «Mit dem Ergebnis muss jetzt umgegangen werden.» China, Russland oder die USA: Als Chief Executive der International Artist Managers' Association (IAMA) hat er den Überblick über Arbeits- und Reisebedingungen auf der ganzen Welt. Wenn jemand die Folgen des Brexits für...
Duisburg
«Romeo und Julia»
Wer Charles Gounods Vertonung des Shakespeare-Stoffes im Ohr hat, wird sich selbiges einigermaßen verwundert reiben. Diese Musik ist ganz anders: spröder, kühler, distanzierter, ja man könnte sagen: verschrobener. Und das mit Grund: Der Komponist heißt Boris Blacher, sein Stück stammt aus dem Jahr 1943. Und entheroisiert das Sujet...
