Apropos... Nostalgie
Frau Glojnarić, in Ihrer jüngsten Komposition #artefacts, die im Dezember vom «WDR» aufgezeichnet wurde, widmen Sie sich der Nostalgie. Ist das nicht ein plattgetretenes Thema?
Nun, in den 1970er-Jahren war Nostalgie wie der Tritonus im Barock: Sich damit auseinanderzusetzen, mit allem, was an das «bürgerliche Erbe» erinnert hat, ging gar nicht. Das hat sich sehr geändert. Die amerikanische Schriftstellerin Fran Lebowitz sagte kürzlich, heutzutage bade alles in Nostalgie, es gebe kein Bedürfnis mehr, etwas Neues zu machen.
Von einer Person, die selbst fast schon ein Relikt ist, finde ich das als Statement sehr witzig – doch ihre Kritik stimmt aus meiner Sicht nur zum Teil. Im Grunde ist doch die Arbeit an uns selbst schon eine nostalgische. Wir setzen uns mit dem auseinander, was wir kennen, und stellen es in einen neuen Kontext – so entsteht immer etwas Neues. Argumente, dass man sich nicht mit Nostalgie beschäftigen sollte, finde ich daher, ehrlich gesagt, sehr flach.
Warum ist das Thema aus Ihrer Sicht gerade jetzt wichtig?
Ich beschäftige mich ohnehin viel mit Popkultur, wo Nostalgie eine sehr große Bedeutung hat. Aktuell befinden wir uns dort in einer Zeit der großen ...
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Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Magazin, Seite 63
von Hannah Schmidt
Duisburg
«Romeo und Julia»
Wer Charles Gounods Vertonung des Shakespeare-Stoffes im Ohr hat, wird sich selbiges einigermaßen verwundert reiben. Diese Musik ist ganz anders: spröder, kühler, distanzierter, ja man könnte sagen: verschrobener. Und das mit Grund: Der Komponist heißt Boris Blacher, sein Stück stammt aus dem Jahr 1943. Und entheroisiert das Sujet...
Herr Nitsch, es sind immer wieder Parallelen gezogen worden zwischen dem Werk Richard Wagners und Ihrer eigenen Aktionskunst: beispielsweise die Verschmelzung mehrere Kunstformen, die Mehrtägigkeit der Aufführungen wie beim «Ring», die Faszination für die griechische Tragödie, für Ritual und Mythos. Wie würden Sie selbst Ihr Verhältnis zu Wagner beschreiben?
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Das Stück? Im Grunde unspielbar. Ein Ungetüm mit 50 Personen, in seiner Urgestalt elf Stunden lang, mehr geschichtsphilosophisches Opus summum seines Schöpfers, bis zum Bersten gefüllt mit katholisch grundierter Anschauung und durchdrungen von jenem feu sacré, das auch die anderen Theatertexte Paul Claudels erleuchtet. «Le Soulier de satin», zwischen 1919 und 1923...
