Irritierende Unschuld, herbe Morbidezza
Alois Mühlbacher ist fünfzehn und Sopransolist der St. Florianer Sängerknaben. Seine zweite CD enthält Lieder von Gustav Mahler («Lieder eines fahrenden Gesellen», fünf «Wunderhorn»-Lieder) und die «Vier letzten Lieder» von Richard Strauss.
Die technischen Mängel des jungen Solisten liegen auf der Hand: gelegentliche Vokalverfärbungen («Um Mitternocht»), unscharf angeschliffene Töne, Verhärtungen an dramatischen Stellen und bei chromatisch alterierten Noten, Flackern des Luftstroms bei langen Tönen, gelegentliche Verzerrung des reinen Knabendiskants zu einer gespenstischen Altfrauenstimme. Ebenso offenkundig ist aber auch die verblüffende technische Frühreife des Künstlers: seine makellose Artikulation (man versteht jedes Wort); die anrührende Reinheit und Kraft des Kopfregisters, das wunderbare Anschwellen-Lassen des Tons, das berückende Piano, das betörende Glissando in «Wir genießen die himmlischen Freuden», die erstaunliche Balance zwischen Textgestaltung und Legato, die reife Interpretation, ein intuitives Gespür für Dramatik, Spannungsbögen, Geschichten.
Das kritische Urteil über diese CD lässt sich nicht objektivieren. Es läuft auf die Gretchenfrage hinaus, ob man ...
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Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Medien | CDs, DVDs, Seite 25
von Boris Kehrmann
Ein kurioser Zufall bescherte dem Opernland Nordrhein-Westfalen und seinen Belcanto-Liebhabern gleich zwei Premieren von Vincenzo Bellinis «Norma», nämlich in Dortmund und in Krefeld, keine 75 Kilometer voneinander entfernt. Der direkte Vergleich drängt sich geradezu auf. Seit Maria Callas in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dieses Meisterwerk...
Dem scharfen Stahl ausgesetzt ist dieser Körper ständig. Schon zu Beginn, wenn Lulu auf eine drehbare Zielscheibe geschnallt ist. Als Objekt des Messerwerfers, als zirzensische Zurschaustellung ihrer Wehrlosigkeit. Mehrfach kehrt das Symbol der Scheibe wieder, gegen Ende wird ein kreisrunder roter Stoff wie ein Leichentuch ausgebreitet. Da ist der Stich nicht mehr...
Der 62-jährige Manfred Trojahn kann mit einigem Recht als typischer Vertreter der deutschen «Literaturoper» apostrophiert werden, wie sie die um eine Generation älteren Komponisten Hans Werner Henze, Giselher Klebe oder Aribert Reimann praktizier(t)en. Da mit Claus H. Henneberg (der für ihn Pirandellos «Enrico» bearbeitete) und Christian Martin Fuchs (der das...
