Ironischer Rückblick
Er darf als Universalgelehrter im besten Sinne gelten: der 1946 in Venedig geborene Dirigent und Komponist Giuseppe Sinopoli, der im Jahre 2001 während einer «Aida»-Vorstellung am Pult der Deutschen Oper Berlin einem Herzinfarkt erlag.
Bestens vertraut mit der Weltliteratur, deren Werke er seit seiner frühen Jugend in mehreren modernen wie klassischen Sprachen im Original las, schloss er an der Universität von Padua die Fächer Medizin und Psychiatrie mit den höchsten akademischen Graden ab und stand noch als 54-Jähriger kurz vor dem Abschluss eines Archäologie-Studiums mit Schwerpunkt auf der Kultur Mesopotamiens.
Es war indes Sinopolis profundes Interesse für die mitteleuropäische Kultur im Allgemeinen und für die Psychowissenschaften im Besonderen, das ihn zum Gegenstand seines ersten und einzigen Musiktheaterwerks geführt haben dürfte: die Gestalt der Lou Andreas-Salomé (*1861 in Sankt Petersburg, †1937 in Göttingen). Auf der Grundlage ihrer Autobiografie «Lebensrückblick» verfasste der damalige Dramaturg der Berliner Staatsoper, Karl Dietrich Gräwe, ein eigenwilliges, «chaotisches» Libretto, das weder als konventionell erzählte Schilderung von Lou Andreas-Salomés Lebensweg noch ...
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