Innenwelten
Henry James’ Erzählung «The Turn of the Screw» gehört zu den rätselhaftesten Texten der Weltliteratur. James entfaltet darin mit kriminalistischer Spannung die unheimliche Atmosphäre in einem englischen Landhaus, ohne am Ende eine Lösung zu bieten.
Handelt es sich um einen Fall von früherem Kindesmissbrauch, wenn die Waisen Miles und Flora von den Geistern zweier Verstorbener bedrängt werden? Oder ist es eine Fallstudie über die neue Gouvernante, die ihre psychosexuelle Neurose und den damit einhergehenden Machtwillen auf ihre beiden Zöglinge projiziert?
Auch Brittens Oper beantwortet die Frage nicht, verschiebt aber durch die Tatsache, dass die Stimmen der Verstorbenen nicht nur erklingen, sondern dass der ehemalige Diener Peter Quint und die frühere Erzieherin Miss Jessel als verführerische Untote real auftreten, die Gewichte beträchtlich – umso mehr, als die Vertonung für ein solistisch besetztes Kammerorchester die Schwelle von Wirklichkeit zu Übersinnlichkeit auch musikalisch einfängt. Das geschieht vor allem in den 15 Instrumental-Variationen, die die in Filmschnitten erzählte Handlung von Szene zu Szene weiterschrauben, bis das zugrunde liegende Zwölftonthema im finalen, ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Uwe Schweikert
Hohe Poesie war es nicht unbedingt, was da in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift «Musica» des Jahres 1967 zu lesen war. Aber dazu fühlte sich der Kritiker Hans Böhm auch nicht berufen. Seine Aufgabe bestand darin, eine Uraufführung an der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber zu besprechen: «Weiße Rose», von ihren Autoren, dem Kompositionsstudenten Udo...
Wie das Wetter war? Vermutlich eisig. Vielleicht blinzelte an diesem 3. November 1843 in Sankt Petersburg hier und da mal die Sonne durch die grauen Ritzen, die Temperaturen dürften aber eher unter null Grad gelegen haben. Zumindest draußen. Drinnen jedoch, im Bolschoi Theater, glühte es, und das nicht nur der bullernden Heizung wegen. Nein, es war jene Dame, die...
Das Bild hat sich ins Gedächtnis gebrannt: Angela Denoke, die als Katja Kabanowa im verödeten Springbrunnen zusammenbricht, statt in die Wolga zu springen. 1998 war das, Denoke debütierte mit der Titelpartie von Leoš Janáčeks Oper bei den Salzburger Festspielen. Und in Christoph Marthalers Inszenierung war der Springbrunnen der letzte Rest von Natur zwischen noch...
