Immer auf Linie

Marie-Nicole Lemieux singt Arien von Gluck, Mozart, Haydn und Graun

Opernwelt - Logo

Vor ein paar Jahren fiel Marie-Nicole Lemieux in Glyndebourne auf, als sie die Mistress Quickly in Richard Jones’ Nachkriegs-England-Version von Verdis Falstaff zur umwerfenden Charakterstudie einer ältlichen Lehrerin und Pfadfinderführerin umformte. Doch die junge Kanadierin ist in vielen Stilen und Kostümen zu Hause, was sie mit ihrem Recital mit Arien und Szenen von Gluck, Graun, Haydn und Mozart in grandioser Manier beweist.

Sie ist ein echter Contralto-Mezzo mit voluminös reicher Tiefe ohne künstliche Verdickung und mit schöner, flexibler Höhe, gesangstechnisch untadelig, mit perfekten Registerübergängen, im Dramatischen genauso souverän wie im Lyrischen. Virtuos ihre Koloraturen, wobei diese nie Selbstzweck, sondern stets mit Bedeutung aufgeladen sind. Auch bei äußerster Expression an der Grenze zur Deklamation bleibt sie stets auf Linie. Sie versteht es, jeden Charakter mit ihrer Persönlichkeit zu füllen und dennoch völlig unterschiedlich erscheinen zu lassen, schlüpft wie ein Chamäleon in die jeweiligen Partien. Man vergleiche etwa die dramatische Kraft ihrer Clytemnestre (aus Glucks Iphigénie en Aulide) mit dem bei aller Leidenschaft leicht hingestäubten «Voi, che sape­te» ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 19
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Parallelwelten

Wenn der Vater mit dem Sohne, hieß ein tränenseliger Spielfilm aus dem Jahr 1955 mit Heinz Rühmann und Oliver Grimm. An einen Streifen mag man auch bei der Konstellation Mutter und Sohn denken, die Renate und Daniel Behles Recital Generation bietet – nämlich einen Moment lang an Loriots ersten Spielfilm Ödipussi. Doch verscheucht man diese Gedanken sofort, da die...

Schön schaurig

Es kommt einem alles so bekannt vor: Da ist der Verdammte, der vor Ablauf der Frist eine schreckliche Aufgabe erledigen muss; der Vater, der die Tochter verschachert; der Held, der mitansehen muss, wie seine Geliebte einem Unhold verfällt; die Ballade vom «bleichen Mann». Lauter Déjà-vus. Wagners Holländer lässt grüßen, auch Webers Freischütz. Dies aber ist Der...

Wagner total

Wagner ist anmaßend. Er beschäftigt Musiker, Regisseure, Wissenschaftler am laufenden Band. Grund dafür ist vor allem ein zwiespältiges Verhältnis zwischen Leben und Werk. Martin Geck macht in seinem neuen Wagner-Buch keinen Hehl daraus, dass es bei Wagner Ambivalenzen (um die er selbst wusste) und ungeklärte Spannungen zwischen Biografie und Opernœuvre gibt. Es...