Immer auf Linie
Vor ein paar Jahren fiel Marie-Nicole Lemieux in Glyndebourne auf, als sie die Mistress Quickly in Richard Jones’ Nachkriegs-England-Version von Verdis Falstaff zur umwerfenden Charakterstudie einer ältlichen Lehrerin und Pfadfinderführerin umformte. Doch die junge Kanadierin ist in vielen Stilen und Kostümen zu Hause, was sie mit ihrem Recital mit Arien und Szenen von Gluck, Graun, Haydn und Mozart in grandioser Manier beweist.
Sie ist ein echter Contralto-Mezzo mit voluminös reicher Tiefe ohne künstliche Verdickung und mit schöner, flexibler Höhe, gesangstechnisch untadelig, mit perfekten Registerübergängen, im Dramatischen genauso souverän wie im Lyrischen. Virtuos ihre Koloraturen, wobei diese nie Selbstzweck, sondern stets mit Bedeutung aufgeladen sind. Auch bei äußerster Expression an der Grenze zur Deklamation bleibt sie stets auf Linie. Sie versteht es, jeden Charakter mit ihrer Persönlichkeit zu füllen und dennoch völlig unterschiedlich erscheinen zu lassen, schlüpft wie ein Chamäleon in die jeweiligen Partien. Man vergleiche etwa die dramatische Kraft ihrer Clytemnestre (aus Glucks Iphigénie en Aulide) mit dem bei aller Leidenschaft leicht hingestäubten «Voi, che sapete» ...
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Opernwelt Januar 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 19
von Gerhard Persché
Kreta – an der Semperoper zeigt sich die Insel als ästhetische Mischung aus Raffaello-Werbewelt und Science Fiction. Die Bühne dominiert ein breiter Steg, überspannt von vier Rahmen, auf die das Meer projiziert werden kann, gepeitschter Schaum, azurne Ruhe. Kathrin-Susann Brose skizziert so eine barocke Gassenbühne. Sie kann ein Schiffsdeck sein oder die Rampe...
Das ist der Stoff, aus dem die Depressionen sind. Neureiche Eltern, Emporkömmlinge, bei denen die Selbstreflexion allerdings nicht Schritt hält mit den wachsenden Renditen. Mama pflegt das Leben als Fassade, der Ehe-Frust sucht sein Ventil im Hyper-Exaltierten. Da bleiben kaum Raum und Liebe für Tochter Antoinette, die unterm Tisch kauert, sich in Irreales...
Puccinis Verleger Giulio Ricordi bezeichnete Pinkerton als «un mezzo lavativo americano»: ein Brechmittel. Dieses Charakterbild mag dazu beigetragen haben, dass Puccini nach der Mailänder Uraufführung «eine hasstrunkene Orgie des Wahnsinns» erlebte. Für die zweite Fassung der Oper tilgte er die verletzenden Bemerkungen Pinkertons über Japan und verwandelte ihn in...
