Im Zweifel gegen den Angeklagten
«Wie man wird, was man ist» – Friedrich Nietzsches Sentenz wird im Sammelband von Jürgen Schläder und seinen Studenten allein auf die Gründungsgeschichte der Bayerischen Staatsoper und auf die Zeit zwischen der Weimarer Republik und den späten 1960er-Jahren bezogen. Der Leser aber gewinnt auf fast jeder Seite den Eindruck, hier liege eine Geschichtsschreibung ex cathedra vor.
Schläder und Dominik Frank, sein getreuer Paladin im Gestrüpp einer politisch äußerst korrekten Analyse, beschreiben die politisch problematische, ästhetisch fragwürdige Ära Clemens Krauss/Rudolf Hartmann, als säßen sie zu Gericht über all jene, die durch ihre Arbeit in den 1930er- und 1940er-Jahren, im Sinne einer Kollektivschuld, per se auf die Anklagebank gehörten. Dass Krauss und Hartmann als hitlernahe Karrieristen und Opportunisten charakterisiert werden, ist richtig. Doch verkennt die Verdammnis all jener Protagonisten der Nazizeit, die sich, wie Hartmann, glücklich in die Nachkriegszeit retteten, den dialektischen Sinn der Arbeit an Kunstwerken und ihrer niemals homogenen Rezipienten. Nichts findet Gnade vor den arroganten Urteilen der Nachgeborenen: nicht die späten Strauss-Opern, die auf ihren ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Frank Piontek
Ein Gespenst geht um in Europa. Doch nicht jenes furchterregende Schreckensbild, das Karl Marx und Friedrich Engels 1848 in ihrem «Kommunistischen Manifest» heraufbeschworen, verbirgt sich hinter der schwarzen Maske. Es ist, wer hätte es gedacht, der Kapitalismus, dessen Wesen und Wirkung die Menschen – neben zahllosen anderen rationalen wie irrationalen...
Theater einfach so, das geht in Pforzheim schon lange nicht mehr. Wenn selbst im benachbarten Karlsruhe der sogenannte bürgerliche Mittelstand nur acht Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist er in Pforzheim kaum noch vorhanden. Die Arbeitslosenquote ging zwar 2017 leicht zurück, dennoch bleibt die Stadt Schlusslicht in Baden-Württemberg. Fast jeder zweite Erwachsene...
Es dauerte ziemlich lange, bis der Opernbetrieb das Attraktionspotenzial, fast möchte man sagen: den impliziten Eventcharakter der Grand opéra à la Meyerbeer neuerlich erkannte. Seit rund zwei Jahrzehnten aber scheint das Eis gebrochen und damit auch der lange Arm des Antisemiten und Meyerbeer-Hassers Richard Wagner. Von Einfluss war dabei wohl auch der dank des...
